Spielbesprechung
Wir schreiben das Jahr ... weiss ich auch nicht
so genau, auf jeden Fall während der Französischen
Revolution. Eine Reihe mehr oder weniger honoriger Personen
bereitet sich auf ihren letzten großen Auftritt vor, und
zwar vor der Erfindung jenes berühmten französischen
Arztes, der der Guillotine und diesem Spiel seinen Namen
gegeben hat - und die er letztendlich selber ausprobieren
durfte.
Zum Kartenspiel: Vor einer - wenig bedrohlichen - Pappguillotine (hat eigentlich schon mal jemand eine Guillotine als Zinnminiatur gesehen?) liegen hübsch in der Reihe zwölf Adeligenkarten, die Zug um Zug näher an den Namenspatron des Spiels rücken. Stehen sie unmittelbar davor, haben sie ihren letzten großen Auftritt und wandern auf den Punktestapel des Spielers, der gerade am Zug ist.
Klingt ja nicht gerade aufregend, wenn nicht der Spieler am Zug die Möglichkeit hätte, durch Spielen einer Aktionskarte aus der Hand die Reihe kräftig durcheinanderzubringen. Man kann Adelige nach vorne oder hinten in der Reihe bugsieren, ganz aus der Reihe vertreiben, für Darstellernachschub sorgen oder sich Sonderpunkte für bestimmte Kategorien von Adeligen - Militärs, Kleriker, etc. - sichern. Man sieht schon, der Begriff "Adeliger" ist im Spiel etwas gedehnt; gemeint sind halt all diejenige, die die Gelegenheit für diesen großen letzten Auftritt bekommen. Vor 200 Jahren waren die Franzosen ja auch nicht so wählerisch ...
Ach ja, nach gespielter Aktionskarte und eingeheimsten Adeligen gibt's wieder eine neue Aktionskarte vom Stapel.
Warum all diese Un- und Umordnung? Nun, besagte Adelige (insgesamt gibt's 50) bringen unterschiedlich viele Punkte (von 0 bis 5), und manche von ihnen haben auch noch "Sonderfähigkeiten", wenn man sie auf den Wertungsstapel bekommt. Robespierre etwa beendet sofort den "Tag" (s.u.), wenn er an der Reihe war. Und da sich auch mancher in die Reihe verirrt hat, der nun wirklich nichts auf der Guillotine zu suchen hat - etwa der "Hero of the People" -, gibt es auch Karten mit Minuspunkten, die man tunlichst nicht haben möchte. Besonders interessant sind die Soldaten: Je mehr man von ihnen auf der Hand hat, desto mehr Punkte zählen sie: einer einen Punkt, zwei jeweils zwei, drei je drei, ..., und wie geht's weiter?
Das Spiel wird in insgesamt drei "Tagen" gespielt, d.h. dreimal kommen je zwölf Karten in die Reihe und werden entsprechend abgearbeitet. Wer am Ende die meisten und wertvollsten Köpfe, sprich Karten, vor sich versammelt hat, gewinnt das Spiel.
Wenn man sich erst mal an die etwas makabre Thematik gewöhnt hat (die aber wie die besagte Faust auf's ebenso besagte Auge passt), kann man sehr viel Spaß haben. Die Adeligen rücken hin und her, und es ist besonders schön, wenn man dem netten Mithenker eine Karte vor die Guillotine setzt, die saftige Minuspunkte einfährt und die er partout nicht wegshiften kann.
Auch wenn zwei bis fünf Spieler angegeben sind, funktioniert das Spiel ebenso gut mit mehr Spielern (ich glaube, mit sieben haben wir's mal ausprobiert). Man muss nur sehen, dass genug Aktionskarten vorhanden sind oder den Spielern notfalls eine weniger geben. Und auch zu zweit ist's ein solides Spiel und nicht die Mogelpackung, als die sich viele "2-..."-Spiele sonst entpuppen. Unbedingte Kaufempfehlung (für diejenigen, die sich mit den englischen Kartentexten schwer tun sei die deutsche Regelübersetzung empfohlen, die zumindest Adam Spielt direkt mitliefert)!
Guillotine von Paul Peterson, Wizards of the Coast, 2-5 Spieler ab 12 Jahren, 30 Minuten (englischsprachiges Importspiel, zu beziehen u.a. bei Adam Spielt inkl. deutscher Regel)
Dr. Arne Claussen (Foto: Funagain Games)
Oliver <strinder@gmx.de> 01.04.2003 20:04:
Ich kann des auch nur absoult weiterempfehlen.
Genau das richtige Gegengewicht zu Strategieschwergewichten, da es an kurzweiligem Spielspaß vor allem in größerer Runde kaum zu überbieten ist.
Supereinfache Regeln erleichtern den Einstieg und es macht einfach unglaublich Spaß anderen die Adligenreihe zu verderben.
Wer allerdings irgendwas mit Planung erwartet sei vorgewarnt. Chaotischer und planloser (man kann im Prinzip erst wissen an was man ist, wenn man dran ist !)geht's kaum ! Aber genau das ist ja auch die Absicht des Spiels...