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Spielbesprechung

Colosseum


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ProduktfotoFragte man 100 Leute auf der Straße, was sie mit dem Begriff "Colosseum" verbinden, würde man wohl geschätzte 89 Antworten erhalten, die auf ein Bauwerk in Rom hinwiesen. 10 Prozent würden den Namen einer britischen Jazzrockgruppe aus den späten 60ern zuordnen (womit sie aber komischerweise tendenziell den häufigsten Ergebnissen der populärsten Suchmedien am nächsten lägen). Das eine verbleibende Prozent aber würde noch "ein Brettspiel" antworten - und alle hätten sie Recht. Da wir uns hier aber weder mit historischen Bauwerken noch mit Musikgeschichte beschäftigen, ist es nur zu verständlich, dass wir die statistischen 99 Antworter Statisten sein lassen und uns dem einen Prozent zuwenden.

Der Verlag Days of Wonder ist es, der mit seinem neuen großen Brettspiel in die Welt der Gladiatoren, Senatoren und Spektakel entführt. Wolfgang Kramer und Markus Lübke lieferten den Stoff, den Julien Delval passend und anspruchsvoll illustrierte. Auf dem großformatigen Spielplan entsteht während des Spiels vor jedem Spieler eine Arena, in der er seine Spektakel abhalten kann. Derjenige, der am Schluss das Spektakel aufführen konnte, das am meisten Zuschauer anzog, hat das Spiel gewonnen.

Nomen est omen

Fast schon Gewohnheit ist es für "die Großen" von Days of Wonder, dass sich unter dem ansprechend gestalteten Kartondeckel eine Unzahl an Plättchen, Karten, Münzen usw. verbergen. ProduktfotoDieses Mal sind es über 150 Spektakelplättchen, 30 Programmkarten, sonstige Tafeln, Münzen und Steine in Hülle und Fülle. Sofort ins Auge springen dabei die Figuren für die Adligen (Kaiser, Konsuln und Senatoren). Von der Grundform wie ein herkömmlicher Pöppel wurden den Senatoren und dem Kaiser Dekorationen umgehängt, die aus ihnen außergewöhnlich schöne Spielfiguren machen. Das erwartet man nicht bei einem Spiel "von der Stange".

Das gesamte Spielmaterial ist von erstklassiger Qualität. Für die Gestaltung der beiden Würfel (weiße Zahlen auf weißem Grund) hätte man allerdings zu der Zeit, in der das Spiel spielt, vermutlich eine Einladung in den Circus Maximus bekommen - als Teilnehmer.

Auch die Spielregel ist vollständig, sehr gut illustriert und mit ausreichenden Beispielen versehen.

Morituri te salutant

Zum Glück geht es bei Colosseum weniger blutig zu als im römischen Original. Die Spieler beginnen reihum mit einer Investitionsphase, in der sie entweder ihre Arena ausbauen, Luxusplätze und Kaiserlogen errichten oder eine neue Programmkarte erwerben. ProduktfotoDie Programmkarten sind auch das Herzstück des Spiels. Sie zeigen, welche Voraussetzungen der Spieler schaffen muss, um das gewünschte Programm (Spektakel) aufführen zu können: Streitwagen, Gladiatoren, diverse Tiere und Dekorationen sowie Künstler und sonstige Accessoires, die man in Form von Plättchen erwerben kann. Ferner wird die benötigte Stadiongröße angezeigt sowie der Lohn (in Zuschauern), den man erhält, wenn man das Spektakel vollständig aufführt bzw. wenn bestimmte Teile fehlen.

In der nächsten Phase versuchen die Spieler durch Versteigerung auf fünf Märkten die benötigten Plättchen zu erhalten. Auf jedem der fünf Märkte liegen drei Plättchen offen aus, für die die Spieler im Paket bieten. Dabei bietet die Regel zwei Varianten zur Auswahl. ProduktfotoBei der ersten (friedlicheren) muss ein Spieler, der in einer Runde einen Zuschlag erhalten hat, aussetzen, bis alle seine Mitspieler ebenfalls einmal erfolgreich waren oder gepasst haben. Ist dies eingetreten, ist die Versteigerungsrunde vorbei. In der zweiten Version, darf jeder solange an den zu versteigernden Märkten mitbieten, bis ihm das Geld oder die Lust ausgeht.

Ist die Versteigerungsphase beendet, können die Spieler noch untereinander handeln. Hier können die überflüssigen oder mangels Versteigerungserfolg zunächst verloren geglaubten Plättchen noch ergattert bzw. eingetauscht werden, wenn die Mitspieler verhandlungsbereit sind. Anschließend geht es zur Aufführung.

Let the games begin

Die Spieler zeigen einer nach dem anderen, welches Programm sie aufführen möchten und belegen die erfolgreiche Aufführung (möglichst) durch die von ihnen erworbenen Plättchen. Anfangs sind dies noch recht wenige (z.B. zwei Gladiatoren, zwei Pferde). Von Runde zu Runde werden die Zuschauer jedoch anspruchsvoller und erwarten größere Spektakel mit mehr Tamtam. Man will Streitwagen, Löwen, aber auch Dekorationen wie Fackeln - nur Blut fließt nach wie vor keines. Dafür kommen aber zu den aufwendigeren Spektakeln dann im besten Fall auch bedeutend mehr Zuschauer, und das ist es, was zählt. Wer von einer Gruppe besonders viele Teilnehmer bei seinem Spektakel auflaufen lässt, bekommt einen "Star", was ebenfalls wieder mehr Zuschauer bringt.

Produktfoto

Naja, und dann wären da noch die Adligen: die Senatoren, Konsuln und der Kaiser (jeweils in Form jener eingangs beschriebenen Holzfiguren). Diese Adligen ziehen auf einem Rundweg auf dem Spielplan von Arena zu Arena, und wenn sie bei einem Spektakel in der Arena des Spielers landen, ziehen auch sie nochmals weitere Zuschauer an. Das kann der Spieler beeinflussen, in dem er bis zu zwei Würfel wirft, mit dessen Ergebnis er die Adligen weiter zieht. Anstatt die Adligen in seine Arena zu locken, kann der Spieler sie auf sog. Ruhefelder postieren. Sie bringen dem Zugspieler dann eine Kaisermedaille, ein sehr wertvolles Instrument. Mit ihnen kann man entweder weitere Zuschauer anlocken, einen Adligen nochmals bewegen oder Geld kassieren.

ProduktfotoDas Entscheidende aber ist, dass man gegen Abgabe zweier Medaillen eine weitere Investitionsmöglichkeit hat. Da man ohne besondere Hilfe im gesamten Spiel nur fünf Investitionsphasen hat (fünf Runden, eine Investition pro Runde), ist es fast unerlässlich, die Medaillen für Investitionen zu nutzen.

Und obwohl am Schluss nur das Spektakel jedes Spielers für den Sieg zählt, für das er am meisten Zuschauer gewinnen konnte, ist es dennoch wichtig, auch zwischendurch Spektakel aufzuführen, die einen zwar nicht an die Spitze bringen, die aber wieder Geld in die Kasse spülen. Denn jeder Zuschauer ist gleichzusetzen mit Einnahmen, die man wieder in neue Teilnehmer und Ausstattung seiner Spektakel stecken kann und muss.

Finis coronat opus

Colosseum ist qualitativ und thematisch sehr schön umgesetzt. Die Spieler tauchen ein bisschen ein in ihre Arena, die anfangs noch recht unscheinbar, später durch Ausbauten vergrößert und um Tribünen und Logen erweitert für die auch optisch großen Spiele den Rahmen bieten soll. Dabei befinden sich die Spieler von Anfang an dem Konkurrenzkampf ausgesetzt, der sie dazu treibt, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen.

Dass es manchmal aber gar nicht erstrebenswert ist, an der Spitze der Punkteskala zu stehen, wird da leicht vergessen. Ein paar Feinheiten sorgen dafür, dass auch dem aktuell führenden nicht die Bäume in den Himmel wachsen. So darf bei Abschluss einer Runde der Letztplatzierte dem Ersten eines seiner Plättchen klauen - Verzeihung: er bittet ihn um eine Schenkung, welche der Gebetene nicht ablehnen darf.

In den Investitionsphasen entscheidet sich letztlich, welcher Spieler wo landet. Nur hier kann man auch neue Programme erwerben, die man dann später aufführen möchte. Doch es gibt viel mehr Investitionsobjekte als man sich leisten kann, sodass nicht nur die Auswahl des Objekts entscheidend ist sonder auch der Zeitpunkt, an dem ich es erwerbe.

Bei der Planung der Spektakel hilft den Spielern eine Übersicht über alle verfügbaren Spektakel. Hier sind auch alle Plättchen im Detail aufgeführt, die für die Aufführung benötigt werden, sodass vorausschauend eingekauft werden kann. Sitzt jedoch ein zwanghafter Optimierer am Tisch, kann das Studium der Übersicht auch schon mal zu ungewollten Kaffeepausen führen. Ein Zeitlimit sollte Abhilfe schaffen.

Zuweilen lässt man sich von dem Gedanken führen, das ganze Spiel nur auf den Schlussakkord hin abzustimmen. Da ja sowieso nur das wertvollste (zuschauerträchtigste) Spektakel über Sieg und Niederlage entscheidet, ist es auch gar nicht von der Hand zu weisen, wenn jemand alles auf eine - die letzte - Karte setzt. Wer gut wirtschaftet, hat eben am Ende so viele Reserven, dass er noch mal richtig auffahren kann. Doch das wird dem Spiel nicht gerecht, denn bis dahin vergehen in jedem Fall 60-90 Minuten, in denen man mit Interaktion und taktischen Möglichkeiten zum Spaß am Spiel findet. Im Gegenteil: weil die Optik und die sich beim Spielen einstellende Atmosphäre genug Anreize bieten, sollte der Weg das Ziel sein. Die Versteigerungen und die Verhandlungsrunden sorgen dafür, dass nicht jeder still vor sich hin wurschtelt.

Übrigens verspricht die (nachgereichte) Variante der Versteigerung mehr Dynamik, weil mehr Versteigerungen stattfinden, also mehr Plättchen ins Spiel kommen. Die Versteigerungen werden lebendiger. Allerdings geht dies einher mit einer Verlängerung der Spieldauer. Außerdem bevorteilt sie den reicheren Spieler.

Als Familienspiel ist Colosseum allemal geeignet. Fünf Spieler sind aufgrund der interaktiven Elemente die bessere Besetzung, doch funktioniert es auch gut zu dritt. Die gute und vollständige Regel lässt einen schnellen Einstieg zu und was dann folgt, stellt einen in Sachen Anspruch nicht vor unlösbare Probleme. Vor Grüblern sei allerdings gewarnt, der Spieldauer zuliebe. Aber Spaß macht's, und auch der Spielverlauf dürfte variabel genug sein, um Colosseum weitere Male auf den Tisch zu bringen.

Colosseum von Wolfgang Kramer und Markus Lübke, Grafik/Illustrationen: Julien Delval, 3-5 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer 60-90 Minuten, Preis ca. 32,- EUR, Days of Wonder (2007)

Axel Bungart .ab.fakir@gmx.de
Fotos: Days of Wonder (4), Bungart (2)

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Weitere Infos über "Colosseum":
despielbox.de deLuding enBoardgameGeek
deSpielefindex deGoogle
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Letzte Änderung: 16.04.2008 15:37 
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