Spielbesprechung

Nichts als Ärger

CovergrafikWer hatte sie nicht als Kind, die absolut unangenehmen Dinge, die man aber irgendwie ertragen mußte. Ob es die kratzigen, aber "soo warmen"  Wollpullover waren, der "herrlich gesunde" Spinat, die nassen Küßchenorgie "der netten" Tante, nichts konnte bei mir die Zwangsverpflichtung "Jetzt spielen wir alle mal wieder Mensch-ärgere-dich-nicht!" schlagen. Diese sinnentleerte Würfelorgie ohne jeden Funken von Kreativität, Intellekt oder Interaktion, welche bestimmt als Beschäftigungstherapie für unartige Kinder erfunden wurde, ist eines meiner (zum Glück recht wenigen) Kindheitstraumata.

Nun mag man sich die Gesichter meiner Eltern vorstellen, als ich von der Spielemesse wiederkam und freudestrahlend meinte: "Wie wäre es, wenn wir Mensch-ärgere-dich-nicht spielen?" Weit waren sie jedenfalls nicht davon entfernt, das Fieberthermometer zu holen, aber man mag mir meine schadenfrohen Hintergedanken angesehen haben, denn nur kurze Zeit später saßen wir um den Tisch versammelt und bauten das Brett auf. Und zu guter letzt holte ich noch eine unscheinbare blaue Schachtel aus der Tasche, auf der in großen Lettern "Nichts als Ärger" stand. Der teuflisch dreinblickende Pöppel ließ nichts Gutes erahnen, aber es stellte sich bald heraus, daß die darin enthaltenen 52 Karten für 90 Minuten pures Vergnügen sorgen würden.

Wie funktioniert's? Die Grundregeln von Mensch-ärgere-dich-nicht bleiben bestehen und sollten jedem bekannt sein. Einzige Ausnahmen: Es besteht kein Schlagzwang mehr und es kann passieren, daß mehrere Pöppel auf einem Feld stehen. Erst einmal fängt man wie üblich an, d. h. würfeln und bei einer 6 eine Figur ins Spiel bringen. Hat man dies getan, kann man sich eine Karte vom verdeckten Stapel ziehen. Somit hat man bei seinem nächsten Zug die Wahl: nochmal würfeln, Pöppel vorrücken und neue Karte ziehen oder Karte ausspielen und die Kartenaktion durchführen? Witziger ist es auf jeden Fall, die Aktion durchzuführen, zum Beispiel die Pöppel eine muntere Polonaise aufführen zu lassen, ein Duell zwischen zwei Mitspielern anzuregen, mit Siebenmeilenstiefeln übers Brett zu toben oder ein Pöppeltreffen auf einem Feld durchzuführen. SpielkarteDies sind nur ein paar der witzigen Aktionen, die man auf diese Weise durchführen kann. Allzu vorwitzige Vorstöße kann man noch jederzeit mit einer "Denkste"-Karte kontern und mehr als 5 Karten darf sowieso keiner auf der Hand halten.

Ja, und wie ist es ausgegangen? Am Spielende hatte meine Tante noch das Unmögliche möglich gemacht, nämlich ein Unentschieden herbeizuführen, indem sie gleich von zwei Leuten den letzten Pöppel ins Häuschen befördert hatte. Das war aber nur die Krönung von einem herrlich lustigen Spiel, das unter lautem Gelächter, Kommentaren wie "Ich weiß jetzt nicht, ob das gut ist, aber ich spiel' die Karte jetzt einfach mal." und trockenen "Pah, Denkste!" für ein kurzweiliges Vergnügen sorgte. Natürlich wird auch mit diesen Zusatzkarten Mensch-ärgere-dich-nicht kein taktischer Oberhammer, eher im Gegenteil, der Spielverlauf wird noch unberechenbarer, zufälliger und chaotischer. Aber wer im Endeffekt gewonnen hatte, war inzwischen auch nebensächlich geworden. SpielkarteHauptsache Spaß gehabt! Und diesen hatten sowohl die strategiehämmergestählten Vielspieler in meinen bisherigen Runden als auch die Wenigspieler, die bisher kaum über Mensch-ärgere-dich-nicht herausgekommen waren.

Wer also seine verstaubte Spielesammlung schon wegwerfen wollte oder notorische Mensch-ärgere-dich-nicht-Fans in seinem Bekanntenkreis hat, der sollte sich dringend die Anschaffung von "Nichts als Ärger" überlegen. Leider ist das Spiel längst nicht überall erhältlich (was unter anderem dazu geführt hatte, daß ich einen regen Export in fast alle Regionen Deutschlands aufgezogen habe), aber im gutsortierten Spielehandel sollte es zu bekommen sein.

Zum guten Schluß: Die second Edition ist auch schon in Arbeit und wird sofort nach Erscheinen meiner Familie vorgelegt werden.

Nichts als Ärger, Autor und Grafik: Frank Stark, 2-6 Spieler ab 8 Jahre, Heidelberger Spieleverlag (1999), Preis: 12,90 DM

Oliver Dienz

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