Spielbesprechung

Mississippi Queen

Wettrennen mit einem Schuß Southern Comfort

Ergänzungs-Set "The Black Rose"

Mississippi QueenWer die Geschichten von Samuel Langhorne Clemens, bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain, gelesen hat, weiß, wie tückisch die Schiffahrt im letzten Jahrhundert auf dem Mississippi war. Schwimmende Inseln, ständig wechselnde Untiefen und immer neue Seitenarme machten den Strom unberechenbar.

Die Lotsen waren hochangesehene Männer. Viele Kapitäne lieferten sich mit ihren riesigen Riverboats regelrechte Rennen zwischen den großen Städten. Bei gleichwertigen Schiffen entschied das Geschick der Lotsen über den Sieg. Clemens berichtete übrigens aus Erfahrung, denn er war selbst als Lotse auf dem Mississippi tätig. Wen das Thema anspricht, der sollte unbedingt Mark Twains Erzählung "Alte Zeiten auf dem Mississippi" lesen, wo er seine Lehrzeit als Lotse beschreibt. In diese Welt entführt uns jetzt das Spiel "The Mississippi Queen".

Variabler Flußlauf

Drei bis fünf Raddampfer starten zum großen Rennen den Fluß hinunter. Dieser wird aus zwölf Teilen zusammengesetzt. Die Teile sind mit einem Sechseckmuster überzogen und jedes zeigt ein anderes Muster aus Wasserfeldern, Inselchen oder Stationen, an denen Passagiere warten.

Dabei ist es unsicher, wie der Fluß genau weiterführt, denn nur dann, wenn ein Dampfer auf dem vordersten Flußteil angekommen ist, wird gewürfelt, ob der Strom geradeaus weiterfließt oder eine Links- bzw. Rechtsbiegung macht. Daß die Teile auch noch verdeckt liegen, steigert die Unsicherheit noch. So verläuft jede Flußfahrt anders und ist nicht genau zu kalkulieren.

Die Flußteile sind schön und zweckmäßig gestaltet. Zusammen mit den hübschen Raddampfern und den kleinen Passagierfiguren ergibt sich genau die richtige Einstimmung in das Thema.

Alle Dampfer starten mit einer Geschwindigkeit von Eins und sechs Kohlen im Vorrat. (Wobei die alten Riverboats eigentlich mit Holz befeuert wurden.) Geschwindigkeit und Kohlevorrat werden mit den einstellbaren Schaufelrädern der Dampfer markiert.

Knappe Kohle

DetailansichtZu Beginn der Bewegung kann man seine Geschwindigkeit um einen Punkt steigern bis maximal Sechs oder aber um einen Punkt reduzieren. Während der Bewegung ist eine Drehung um eine Seite möglich, also um 60 Grad. Jeder weitere Punkt Beschleunigung oder Bremsen und jede weitere Drehung kostet eine Kohle. Wer also von Zwei auf Vier beschleunigt und um 120 Grad dreht, den kostet das schon 2 Kohle.

Mit der Kohle muß man sehr sorgfältig haushalten. Neuen Brennstoff gibt es nämlich nicht, und ein Dampfer ganz ohne Kohle scheidet aus.

Um die schwierige Fahrt auf dem Mississippi etwas zu üben, gibt es ein etwas vereinfachtes Einführungsspiel, auf das ich nicht näher eingehen will. Gezogen wird nicht etwa in einer festen Reihenfolge, vielmehr zieht der zuerst, der vorne fährt. Das ist auf dem gewundenen Fluß nicht immer ganz leicht zu entscheiden, deshalb hat Goldsieber eine einfache und funktionierende Meßschablone mitgegeben, um den Führenden festzustellen.

Es geht aber nicht nur darum, einfach nur als erster im Ziel zu sein. Unterwegs müssen auch noch zwei Passagiere von Inseln im Fluß aufgenommen werden. Das verlangt manchmal ein trickreiches Manövrieren. Ich kann nur raten, die Passagiere nicht um jeden Preis anzusteuern. Es kommen genügend Passagiere ins Spiel, daher sollte man sie nur von günstig am eigenen Fahrtweg gelegenen Stationen aufnehmen und keine komplizierten Umwege in Kauf nehmen.

Navigation entscheidend

Ursprünglich war "Rafting" das Thema des Spiels, also das Flößen mit großen Holzflößen. Damit belegte der Autor 1995 bei einem Autorenwettbewerb den dritten Platz. Direkt neu ist der Bewegungsmechanismus von "The Mississippi Queen" aber nicht. Wir haben in der Schule ganz ähnliche Autorennen gespielt, wobei eine Rennstrecke auf Kästchenpapier gezeichnet wurde. Übermäßiges Bremsen, Beschleunigen oder Kurven kostete Strukturpunkte, von denen das Fahrzeug nur eine begrenzte Zahl hatte. Mit den Einstellrädern der Raddampfer funktioniert das natürlich viel eleganter.

Perry RhodanWer sich für den Spielmechanismus interessiert: Bereits 1986 erschien bei ASS das "Perry Rhodan Spiel Operation Wega". Hier wird das gleiche Spielprinzip verwendet, um Raumschiffe durch das All zu steuern und verschiedene Missionen zu erfüllen. Operation Wega war von Reiner Müller, damals Spieleredakteur bei ASS (heute bei Kosmos), entwickelt worden, hatte aber fast identische Spielregeln mit dem bereits 1973 von Game Designers Workshop herausgegebenen Titel "Triplanetary", das später mit geänderten Regeln bei derselben Firma als "Mayday" neu herauskam. Die Ur-Form als Autorennen wurde im Jahr 1982 in Heft 72 der Pöppel-Revue als "Mark & Bein Autorennen" abgedruckt.

"The Mississippi Queen" spielt sich schnell und recht flüssig. Das Glück hat einen großen Einfluß, weil man nicht weiß, wie der Fluß weiterführen wird. Manchmal fährt das eigene Schiff unter vollem Dampf auf der rechten Flußseite, auf einmal macht der Fluß eine Linksbiegung. Dann muß mühsam und vor allem zeitraubend manövriert werden, um wieder in freies Fahrwasser zu kommen.

Schlimmer noch ist es, wenn plötzlich Hindernisse bei voller Fahrt auftauchen. Die hektischen Brems- und Ausweichmanöver kosten sehr viel Kohle. So erlebt man es immer wieder, daß einige Schiffe weit vorn stetig vorandampfen, während sich andere abgeschlagen aus einer Sackgasse manövrieren. Es ist aber selten, daß diese Situationen das Spiel endgültig entscheiden, denn so ein Mißgeschick kann den Führenden ebenfalls schnell passieren.

Das andere "Mississippi"

Mattels MississippiEs hat zu "The Mississippi Queen" im Vorfeld eine Diskussion gegeben, inwieweit Ähnlichkeiten zu "Mississippi" bestehen, einem Spiel von Roland Siegers, das 1988 im ersten deutschen Spieleprogramm von Mattel erschien und im selben Jahr auf die Auswahlliste "Spiel des Jahres" kam. Auch dieses Spiel stellt das Wettrennen von Raddampfern auf dem großen Fluß dar, der aber durch eine starre Folge von Sechsecken dargestellt ist. Die Dampfer sind ebenfalls sechseckig, und der Verbrauch von Brennstoff ist auch vorhanden. Damit enden aber definitiv die Gemeinsamkeiten. "Mississippi" ist ein knallhartes Taktikspiel, dem das entsprechende Thema nur aufgesetzt ist.

Grundsätzlich kostet das Vorwärtsziehen Brennholz, Rückwärtsziehen gibt Holz zurück. Damit allein wäre es natürlich nicht möglich, das Ziel zu erreichen. Deswegen spielen die Zahlen auf den Seiten der Dampfer eine wichtige Rolle. Liegen nämlich am Ende eines Zuges zwei Schiffe Seite an Seite, werden ihre Zahlen verglichen und das Schiff mit der höheren Zahl um die Differenz der beiden Werte vorgezogen. Liegen dann wieder zwei Schiffe nebeneinander, geschieht dasselbe, so daß es zu regelrechten Kettenreaktionen kommen kann. Das macht "Mississippi" zu einem wahren Hirnverzwirner. Wohl wegen dieses Anspruchs und nicht zuletzt wegen der grauslichen Grafik konnte sich das Spiel aber nur kurz am Markt halten.

The Mississippi Queen

"The Mississippi Queen" hat da sicherlich bessere Chancen. Die Ausstattung ist sehr schön und das Spielprinzip schnell begriffen. Spielerisch handelt es sich um leichte Kost, die man entspannend und mit Vergnügen genießen kann. Das sehr gute Material hat natürlich seinen Preis, und das könnte ein Problem werden. Meine Mitspieler kamen einhellig zu der Meinung: "Ganz nett, kann man als Lückenfüller so zwischendurch gut spielen. Aber 60 DM würde ich dafür nicht ausgeben." Warten wir ab, ob sich "The Mississippi Queen" durchsetzen kann.

Postscriptum:

Nun ist "Mississippi Queen" doch tatsächlich "Spiel des Jahres 1997" geworden. Die Gedanken, die ich mir seinerzeit in meiner Rezension über den Markterfolg und den relativ hohen Preis gemacht habe, dürften damit hinfällig sein. Erfahrungsgemäß verkauft sich ein Spiel mit dem Titel "Spiel des Jahres" - zumindest im ersten Jahr - in riesigen Stückzahlen, und auch der Verkaufspreis fällt deutlich.

Erstaunlich bei der Entscheidung der Jury ist die Kehrtwende, die man gegenüber den vergangenen Jahren vollzogen hat. Die Jury wollte noch 1995 und 1996 ausdrücklich Maßstäbe für das anspruchsvolle Spiel setzen. Da wurde "Mut zum Risiko, zur Innovation" gefordert. Die Verlage sollten die Spieler "herausfordern", ihnen etwas "zumuten". In diesem Jahr sieht das ganz anders aus. Mit "Mississippi Queen" hat man ein biederes, solides Spiel ausgezeichnet. Ganz nett, ziemlich glücksabhängig, einfach zu lernen und zu spielen ist die "Mississippi Queen" ja wirklich, aber innovativ, herausfordernd oder gar Maßstäbe setzend ist sie sicherlich nicht. Leider ist es müßig zu spekulieren, ob die Jury hiermit eine weitere Trendwende ihrer Arbeit hin zum einfachen, "populären" Spiel einleiten will, oder welches Zeichen mit der Wahl gesetzt werden soll.

Berthold Heß

The Mississippi Queen für 3-5 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer: ca. 30 Minuten, Autor: Werner Hodel, Grafik: Franz Vohwinkel, Verlag: Goldsieber, Preis: ca. 60 DM

Eine "Passagierabholtabelle", die beim Ansteuern der wartenden Passagiere hilft, hat Wolfgang Ditt entwickelt und bereitgestellt.

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