Spielbesprechung
Herbst 1975, der Yom-Kippur-Krieg und die große Ölkrise mit den Sonntagsfahrverboten liegen gerade mal zwei Jahre zurück. Noch ist der Westen äußerst abhängig von der Ölversorgung aus Nahost, einem Pulverfaß, das ständig kurz vor einer Detonation steht. Da wird im Stern für "Das Spiel der Nationen" inseriert. "Operationen von Staatschefs und Geheimagenten entscheiden im internationalen Ringen um die Ausbeutung von Ölfeldern. Das Erdöl ist das einzige Mittel, die eigene Macht zu festigen, auszuweiten und den Besitz der Nachbarstaaten an sich zu reißen. Für zusätzliche Unruhe sorgen unvorhergesehene innenpolitische Ereignisse, die eine Großmacht entscheidend stärken oder schwächen können..." Dorothea Heß, angehende Juristin, ist sehr zu Recht der Ansicht, so ein Spiel sei das ideale Weihnachtsgeschenk für mich, damals noch Student der Politischen Ökonomie. Mein damaliges Weihnachtsgeschenk sollte langfristige Folgen haben, denn es weckte eine Spieleleidenschaft, die unser beider Leben von da an immer mehr beeinflusste.
Und ist der Spielreiz vom "Spiel der Nationen" im Rückblick wirklich so groß? Ich fürchte: Nein! Mit der heutigen Erfahrung würden wir das Spiel wohl schnell ad acta legen, damals hat es sich über zehn Jahre am Markt gehalten. Wie läuft das Spiel nun ab?
Auf der fiktiven Halbinsel Kark wird in acht Staaten Öl gefördert. Die zwei bis vier Spieler repräsentieren Großmächte, die über je einen Geheimagenten und sechs Staatschefs versuchen, alle acht Staaten zu kontrollieren und die Konkurrenten aus dem Spiel zu werfen. Jedes Land besteht aus einer Umlaufbahn mit acht Feldern. Wessen Figur das Hauptstadtfeld besetzt hält, beherrscht das Land. In jeder Runde bekommt er Einkünfte aus dessen Ölförderung, wenn er je Bohrturm ein eigenes Tankschiff in diesem Land hat. Die Höhe der Einkünfte hängt von der Art des Staatschefs ab, der das Land regiert. Diktatoren und Guerillaführer wirtschaften schlecht, während Könige und Präsidenten doppelte Einkünfte bringen. Aber jede Aktion eines Staatsmannes hat seinen Preis, und so kosten Präsidenten und Könige auch das Doppelte. Das Spiel entwickelt sich zunächst langsam. Da die einzelnen Länder noch leer sind, setzt man seine Staatschefs in ein oder zwei Länder, positioniert sein Tankschiff und sammelt zunächst einmal Geld. Man kauft Tankschiffe hinzu, um die Einkünfte zu steigern, baut zwischen den Ländern Pipelines, um die immer zu knappen und sehr teuren Tanker besser auslasten zu können. In jeder Runde muß ein eigener Staatsmann bewegt werden und zusätzlich der Geheimagent.
Wer nach einiger Zeit glaubt, jetzt genug Kapital gesammelt zu haben, wird einen Angriffskrieg starten. Dazu marschiert er einfach in die fremde Hauptstadt ein, in der sich aber der gegnerische Staatschef aufhalten muß. Jede Bewegung ist natürlich sehr teuer, so daß die Vorbereitung eines solchen Angriffs recht lange dauern kann. Auf dem Marsch darf man keine anderen Figuren passieren und Staatschefs gleichen Typs können sich nicht angreifen. Welche Rolle spielt der Geheimagent? Er bewegt sich in jeder Runde kostenlos genau vier Felder. Zum einen dient er der Verteidigung, denn an ihm kann kein fremder Staatsmann vorbeiziehen. Zum anderen landet er gelegentlich auf Feldern, wo "Innenpolitische Zwischenfälle" stattfinden. Das sind insgesamt 16 Ereigniskarten, die enorme Auswirkungen haben können. "Saboteure sprengen einen Ihrer Tanker" oder "Guerillaführer bekommt freie Hand" (geht kostenlos 7 Schritte) sind schon recht entscheidende Ereignisse. Damit spielt das Kartenglück eine große Rolle, denn ansonsten wäre "Das Spiel der Nationen" ein sehr statisches Spiel. Man knobelt, wie die Figuren am besten den Gegner blockieren, sammelt Runde um Runde Geld, um irgendwann eine Lücke in der Verteidigung des Gegners auszunutzen. Hat ein Spieler kein Geld mehr, scheidet er aus. Das führt in der Endphase zu einem oft endlosen Duell zwischen den letzten beiden Spielern.
1985 gab es zwar diverse Regelerweiterungen in der spielbox, aber auch das konnte "Das Spiel der Nationen" nicht wiederbeleben, das zu der Zeit vom Markt genommen wurde. Wobei sich hier auch wieder unsere Wege mit denen dieses Spiels kreuzten, denn 1985 begann auch unsere Mitarbeit bei der spielbox. Genial an diesem Spiel war die thematische Einkleidung und Vermarktung. In einer beiliegenden Broschüre beispielsweise wird von einem in Washington bestehenden geheimen Institut erzählt, wo man über Rollenspiele versucht, die Handlungen fremder Staatschefs vorauszusehen. "Das Spiel der Nationen" sei hieraus entstanden. Sollte diese absurde Geschichte stimmen, würde das einige der katastrophalen politischen Entscheidungen erklären. Ich habe zu dem "Spiel der Nationen" eine ganz besondere Beziehung, denn das Thema finde ich immer noch faszinierend, und dieses Spiel hat meine Frau und mich in die Welt der Spiele eingeführt, in der wir uns jetzt schon über 22 Jahre bewegen.
Berthold Heß
Michael Kraft <michaelkraft@gmx.de> 11.03.2004 20:23:
Hallo Spieler, das Spiel der Nationen war Anfang der 1980er Jahre unser beliebtestes Spiel. Was nämlich die Spielregeln nicht wiedergeben ist:Geld korrumpiert: Es dauerte nicht lange bis die erste Bestechung angeboten wurde. Dann kam es zu regelrechten Verträgen, wer was wann für wieviel Geld machen sollte. Es kam zu schriftlich festgelegten Verträgen mit Konventionalstrafen. Trotzdem durchbrach immer einer die Regeln. Dann wurde es emotional. ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Bruder schreiend auf dem Stuhl stand, weil er mit einem Vertragsverstoß nicht einverstanden war. Unsere Spiele dauerten immer mehrere Abende. Das Spiel mußte deshalb aufgezeichnet werden. Zu diesem Zweck habe ich eine spezielle Landkarte entwickelt, auf der die einzelnen Figuren eingezeichnet werden konnten. das Spiel war absolut infektiös für alle neuen Spieler, Inkubationszeit 0, Heilung: keine. Man kann das Spiel natürlich auch wie Schach spielen - also rein analytisch - aber dann wirds langweilig: wir hatten mal einen neuen Spieler, der war Mathematiker - er hat uns das ganze Spiel vemiest, weil er keine Bestechungsgelder annahm.
Insgesamt das Spiel unseres Lebens;) Gruß MK