Spielbesprechung

Kohle, Kies & Knete

Geld scheffeln, bis man heiser wird

Dem Vorbild des unangenehmen Typen auf der Schachtel sollte man folgen und eine Sonnenbrille aufsetzen. Nur so ist der Blick auf die Verpackung zu ertragen. Den Spielplan und das Material von KOHLE, KIES & KNETE kann man noch hinnehmen, aber diese Titelgrafik ist wohl während des Urlaubs der gesamten Redaktion entstanden.

Hat man sich aber einmal dazu durchgerungen, die Schachtel zu öffnen und das Spiel auszuprobieren, wird man angenehm überrascht. Das Spiel von "Altmeister" Sid Sackson gehört zu der immer stärker wachsenden Gruppe der Verhandlungsspiele, die sich an ein dezidiert spielerfahrenes Publikum richtet. Dabei müssen die Mitspieler bereit sein, die Konkurrenz gnadenlos über den Tisch zu ziehen und geschickt taktierend Verhandlungen im Interesse des eigenen Geldbeutels zu führen. Wer also bei einem Spiel lieber stumm in der Ecke sitzt und ab und zu seinen Zug ausführen will, ist hier fehl am Platze. Bei KOHLE, KIES & KNETE wird im Titel bereits deutlich gesagt, worum es geht: Geldscheffeln. Auf den Feldern des Spielplans wird jeweils angezeigt, wieviele Gewinnanteile ausbezahlt werden, und welche Investorengruppe beteiligt wird.

Ist man am Zug und gelangt auf ein Feld mit einem solchen Deal, kann man versuchen, die vorgeschriebenen Geldgeber aufzutreiben, sofern man nicht alle benötigten Investoren selbst auf der Hand hält. Ab jetzt sind außer dem eigenen Stimmvolumen den Verhandlungen keine Grenzen mehr gesetzt. Haben sich endlich alle Investoren gefunden und die Verteilung des Geldes abgesegnet, ist der nächste Spieler am Zug - falls nicht zuvor einer, den man schnöde übergehen wollte, mit der Karte "Ich bin jetzt der Boss" die Verhandlungen an sich reißt...

Nach 16 Deals und einer knappen Stunde ist das Spiel beendet. Die Helden lehnen sich erschöpft und heiser zurück, zählen die erbeutete Knete und schwören sich, beim nächsten Mal noch viel energischer aufzutreten.

Im Unterschied zu den Verhandlungsspielen Intrige und Rette sich wer kann ist die KOHLE eher für den Einsteiger zu empfehlen - wären da nicht die abschreckende Grafik und eine Spielregel, deren Sprache den Zugang zu dieser neuen Spielegattung sicher nicht erleichtert. Wer seine Gegner beim gemeinsamen Spiel gerne über den Tisch zieht, ist INTRIGE erste Wahl, denn dort laufen alle Verhandlungsabschnitte klar strukturiert und übersichtlich ab. Bei KOHLE, KIES & KNETE führt oft die Verwirrung Regie, denn alle reden durcheinander, und keiner blickt so richtig durch, wenn plötzlich zwei Mitspieler nach sekundenlangem Getuschel ihre finanzielle Einigung bei einem Deal lauthals verkünden. Mit der Aufnahme auf die "Auswahlliste Spiel des Jahres 1994" wird man diesem Spiel trotzdem gerecht, wenn man als Zielgruppe Gelegenheitsspieler im Visier hat, die in die Welt der Verhandlungsspiele hineinschnuppern wollen.

Kohle, Kies & Knete von Sid Sackson, Verhandlungsspiel für 3-6 Spieler ab 12 Jahren, Hersteller: Schmidt Spiel & Freizeit GmbH, ca. 50 DM

© 1994 Hans-Dietrich Altenburg

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