Spielbesprechung
"Ein Mann spielt Klavier. Als er aufhört zu spielen, stirbt ein anderer Mann." Seltsam, nicht wahr? Dieser Beispielsatz bildet die Grundlage einer Geschichte, deren Zusammenhänge die Mitspieler durch Fragen erraten müssen. Den genauen Ablauf der Geschichte kennt nur der Erzähler, und er darf die Fragen der Mitspieler nur mit Ja oder Nein beantworten.
Ist die Angelegenheit verzwickt -der eingangs zitierte Satz gehört zu den berühmtesten Geschichten seiner Art), kann es schon mal geraume Zeit dauern, bis die Lösung gefunden wird. "Logical Stories" nennt man die Vertreter dieses Genres. Die teilweise doch arg makabren Geschichten stammen - natürlich - ursprünglich aus England. Eine "pflegeleichte" deutsche Version ist vor einigen Jahren unter dem Titel "EinSatz" von Hajo Bücken bei Hugendubel erschienen. Das Buch ist wohl nur noch antiquarisch erhältlich; da den Geschichten meist ein wenig Pfeffer fehlte, ist der Band aus dem Programm genommen worden.
Die üppige Einleitung bringt uns natürlich auf ein Gesellschaftsspiel, dem dieses Rätselkonzept zugrunde liegt: MYSTERY, ein Spiel für zwei Teams und einen Rätselmeister. Die kompakte Schachtel, das Markenzeichen inzwischen fast aller Kommunikationsspiele, enthält einen gut konstruierten Wertungsblock, der den Punktestand und das Team anzeigt, das an der Reihe ist zu fragen. Der Rätselmeister zieht vor Spielbeginn eine Karte aus den Kategorien "Persönlichkeiten", "Hobbies und Berufe", "Unglaubliche Geschichten" und "Alles Mögliche". Die Rückseite der Karte verrät dem Spielleiter die Lösung und nennt drei Hinweise, die er im Verlauf der Runde verraten darf.
Das Team, das am Zug ist, darf so lange fragen, bis es ein "nein" erhält. Es kommt also stark darauf an, Fragemethoden zu entwickeln, die allgemein gehalten sind, so daß man möglichst lange am verwertbare Hinweise erhält. Da die Aufgaben in Qualität und Schwierigkeit stark schwanken und man durch die Hinweise auf den Karten oft bewußt auf falsche Fährten gelenkt wird, sollte der jeweilige Spielleiter ein wenig Fingerspitzengefühl besitzen und nicht nur stur nach der Fragestellung vorgehen. Je früher ein Team das Rätsel knackt, desto mehr Punkte erhält es. Sieger ist das Team, das nach mehreren Durchgängen die meisten Punkte einheimsen kann.
MYSTERY erinnert im Ablauf doch stark an Robert Lembkes Rateklassiker "Was bin ich?", wobei die typische Handbewegung nun durch einen Texthinweis ersetzt wird. Der Spielspaß ist abhängig von den Fragen und vor allem von der Zusammensetzung der Gruppe. Eine kreative und ratefreudige Gruppe wird voll auf ihre Kosten kommen. Bei einer größeren in zwei Teams aufgeteilten Gruppe kann es aber schon mal passieren, daß ein dominanter Wortführer eigene Vorstellungen durchsetzt und sich zu wenig mit seinem Team berät.
PS: Wenn die Leser jetzt auf die Lösung der eingangs zitierten "logical story" warten, müssen wir sie leider enttäuschen, denn diese ausgetüftelten Geschichten werden nur mündlich tradiert. Also: Besuchen Sie entsprechende Spielveranstaltungen!
Mystery von Bertram Kaes, Rätselspiel für 3-12 Rater ab 14 Jahren, Hersteller: Ravensburger Spieleverlag, etwa 69 Mark
© 1995 Hans-Dietrich Altenburg