Spielbesprechung

Alcatraz

Die Herausforderung der Papillons

Was Al Capone zu erzählen wüßte...

Nein, nicht Alcaraz ist gemeint, jene im südwestlichen Spanien gelegene Stadt, die eine berühmte arabische Burganlage beherbergt. Es geht um die 1769 von den Spaniern entdeckte Felseninsel in der späteren San Francisco Bay, die 1851 in den Besitz der Vereinigten Statten von Amerika überging. Diese befestigten die Insel und erbauten darauf ein Sträflingslager für lebenslänglich Verurteilte. Die Flucht von der Gefängnisinsel soll nahezu unmöglich gewesen sein.

In den Jahren 1934 bis 1962 diente sie als Zuchthaus. Hier waren illustre Gefangene inhaftiert, u.a. der berühmte Al Capone. Dennoch haben immer wieder Einzelne die Flucht von der Insel gewagt und sie vereinzelt auch geschafft. Nachdem die Indianer Alcatraz aus Protest und als Zeichen der Inhaftierung ihrer Kultur in den USA besetzt hatten (1970/71), wurde die Gefängnisinsel schließlich ausgemustert und dient heute als Touristenattraktion und als Filmort für internationale Erfolge wie "Der Gefangene von Alcatraz" und "The Rock".

Spielprinzip und Spielmaterial

Bernhard Weber scheint die spannende Geschichte um Alcatraz begeistert zu haben, weswegen er ein Spiel mit demselben Titel erdachte und bei FX herausbrachte. Über das Design der FX-Serie schüttelt so mancher immer wieder den Kopf - auch in diesem Fall. Schematische Darstellungen eines Fluchtversuchs deuten unter dem prägnanten Titel Alcatraz den Inhalt des Spiels an.

AlcatrazNach dem Öffnen der Schachtel wird man von einem grellrot leuchtenden Warnzettel erschreckt. Dabei handelt es sich lediglich um die Anweisung, wie die Spielfiguren zusammen gebaut werden müssen. In fünf Sprachen wird das genau erklärt - und ist auch wichtig, denn eine einmal falsch zusammengesetzte Figur läßt sich schwerlich wieder auseinander nehmen.

Die Figuren sind aus Plastik und sehen zunächst wenig angenehm aus. Doch ein Ausbruch aus einem Gefängnis ist ja nichts Angenehmes. Die Figuren teilen sich auf in gefangene in vier verschiedenen Farben und Wächter. Letztere sind durch ihren schwarzgrauen Farbton deutlich von den Gefangenenfiguren zu unterscheiden. Ein wenig hilft auch die etwas veränderte Form, doch bei schlechterem Licht ist die nicht mehr auszumachen.

Zum Spiel gehören noch ein 8seitiger Würfel sowie der Spielplan. Dieser zeigt die Gefängnisinsel, auf der es den Gefangenenbereich sowie die vielen Felder des Fluchtweges gibt. Am Ende der Felder steht das rettende Boot. Die Felder sind koordinatenähnlich aufgebaut, wobei jeder Felderreihe eine Zahl zugeordnet ist. Auf den letzten beiden Felderreihen gibt es rote Felder. Das sind die Einstigsfelder in das rettende Boot.

Die Spielanleitung kommt fünfsprachig daher und hat dem entsprechend einen großen Umfang. Doch der deutsche Teil umfasst nur drei Seiten Regeln, die von einer Seite Erklärungen und zwei Seiten Spielbeispielen ergänzt werden. Das Layout ist wenig geglückt, denn zuviel Text steht dichtgedrängt ohne grafische Auflockerung zu lesen. Glücklicherweise sind die Regeln einfach und schnell verständlich, sodass man dieses Bleigefängnis rasch verlassen kann.

Das Spiel beginnt

Das Spiel beginnt damit, dass die Spieler ihre Figuren (je vier) auf das Startfeld (Gefangenenbereich) stellen. Die Wächter werden nach Maßgabe des Spielplans aufgestellt, wobei je einer in eine Reihe gestellt wird. Das Spielziel ist, seinen dritten Gefangenen als erster ins Rettungsboot zu bekommen.

Gezogen wird eine eigene Figur beliebig viele Felder in gerader Richtung. Allerdings wird der Wächter auf der Reihe, auf welcher die eigene Figur zu stehen kommt, ebenfalls so viele Felder in Richtung der gezogenen Gefangenenfigur gesetzt, wie die Gefangenenfigur zog. Man muß aleso genau rechnen, damit man sicht von einem Wächtergefangen wird.

Sobald ein Wächter auf eine Gefangenenfigur trifft oder sie überspringt, muss sie wieder in den Gefangenenbereich und neu starten. Sobald ein Gefangener ins Boot zieht, wird Alarm ausgelöst. Man rollt den Würfel, der nun die Reihe anzeigt, in der der Wächter in eine beliebige Richtung bis zum Ende der Reihe bewegt wird. Alle Gefangenen, die übersprungen werden, müssen wieder zurück in den Gefangenenbereich.

Irgendwann gelingt es einem Spieler, den dritten Gefangenen ins Boot zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt endet das Spel sofort und der Spieler, der das Kunststück fertig gebracht hat, ist Sieger und Ausbrecherkönig.

Worte des Lobes, Worte des Tadels

Was Alcatraz so interessant macht, sind die taktischen Erwägungen. Nichts ist hier zufällig, weil man mit den eigenen Aktionen genau die Reaktion der Wächter und bis zu einem gewissen Grad auch die der Mitspieler bestimmt. Ein wenig Denken ist also angesagt, will man Alcatraz als spannendes Spiel erleben. Natürlich kann man auch Gevatter Zufall agieren lassen, nur dann wird man sich stets zu wundern haben, wieso die eigenen Figuren immer noch einsitzen, während die anderen Spieler längst ihre Figuren in den Booten sitzen haben.

Sieht man von dem ebenso einfachen wie spannenden und herazsfordernden Spielsystem ab, fällt das Urteil über Alcatraz nicht mehr ganz so positiv aus. Abgesehen von dem wahrlich gewöhnungsbedürftigen Design, das nicht wenige abschrecken wird, können auch die Plastikfiguren wenig Freude vermitteln. Zwar sind sie frei von verletzungsgefährdenden Kanten und Ecken, doch gefallen wollen sie nicht. Die Idee des Zusammenbaus zeigt kreatives Denken bezüglich Kostenreduktion, ohne Zweifel, doch dieser Punkt allein sollte das Erscheinungsbild eines Spiels nicht prägen.

Zudem muß ein Wort der Kritik angebracht werden für die vergleichsweise groß dimensionierte Schachtel. Ein Spiel wie Alcatraz, das mit wenig Material auskommt, bracht keine so große Schachtel! Man hätte das Spiel kostengünstiger und damit für den Endverbraucher billiger produzieren können. So wäre vielleicht ein größerer Kreis allein über den reduzierten Preis angesprochen, wenn gleich der aktuelle Kaufpreis eigentlich fair ist.

Alcatraz ist ein Spiel, das vom Spielsystem her begeistert. Nimmt man dies Kriterium als einziges für die Bewertung des Spiels, kann Alcatraz allen Taktikfans für schnelle und anregende Runden empfohlen werden. Zieht man die anderen Kriterien hinzu, bleibt das Spiel leider eines unter vielen anderen guten. Das ist eigentlich sehr schade.

Alcatraz von Bernhard Weber, Grafik: Marcus Langer, Verlag: Ravensburger/FX (1999), 2-4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer ca. 45 Minuten, Preis: ca. 30,00 DM

Jürgen Henrich


Marion <moti-bagh@gmx.de> 26.01.2008 21:21:

Oh, gerade das ungewöhnliche Design von Alcatraz fand ich so sehr faszinierend!!! Mir gefielen die grellen Figuren, die auf mich wirkten, als würde gerade ein Suchlicht die Kleidung der Fliehenden im sonstigen Dunkel aufleuchten lassen, und im Gegensatz dazu schleichen im Schatten die Wächter, deren düstere Farbe ihre Bedrohlichkeit betont.

Nicht nur die Farben der Figuren, sondern auch deren Form finde ich bemerkenswert, und das Zusammenstecken machte mir Spaß - OBWOHL ich natürlich so blöd war die erste Figur falsch zusammen zu stecken und dann mühselig die Teile wieder auseinanderpfriemeln zu müssen. Ich mag auch Plastikfiguren und mag Pappfiguren und nicht nur Holz. Ich mag alles, was phantasievoll gestaltet ist und finde es gut, dass es so viele Möglichkeiten gibt! Der warnfarbene Zettel machte gleich Stimmung - ich lachte sehr darüber.

Kurz und gut: für mich ist dieses Spiel - gerade weil es so ganz und gar anders aussieht als andere - ein wahres Schmuckstück auf jedem Spieltisch und auch ein Hingucker im Regal. Ich muss dazu bemerken, dass ich viele Jahre hindurch Spiele sammelte und auch gerne spiele und mir die Aufmachung von Spielen SEHR wichtig ist als unabdingbarer Teil des Vergnügens.

So verschieden also kann ein Design empfunden werden!

[ Home ] [ Top ] [ Archivübersicht ]