Spielbesprechung

Schrille Stille

MusicBusiness as usual

Wenn Musik zur Passion wird...

CoverVon Musiksendern wie "Viva" oder "MTV" kennen wird sie. Auch den eifrigen Radiohörern sind sie nicht unbekannt. Sie tragen phantasievolle oder normale Namen. Und wo sie zum Einsatz kommen, landen sie Erfolge. Die Rede ist von Musiktiteln und deren Interpreten, die auf den Listen vielverkaufter Scheiben weit nach oben kommen. Unter den Top Ten zu stehen, ist da schon eine große Leistung, die daruch belohnt wird, dass man Namen wie A-ha, Phil Collins, Frech Affair, Lara Fabian, Passion Fruit oder Metallica so schnell nicht wieder vergißt.

Als Musikkonsument macht sich aber kaum jemand Gedanken darüber, wie es überhaupt dazu kommt, dass die beispielhaft genannten Interpreten bekannt werden. Dahinter steht neben dem künstlerischen Anspruch, ohne den es freilich überhaupt nicht geht, ein enormer Aufwand an Management und Promotion. Es gibt Menschen, die ihr Leben dem Erfolg einzelner Musiker und Musikgruppen weihen. Die nennt man schlicht Manager und traut ihnen mittlerweile fast alles zu.Doch obwohl sich einige dieser illustren Personen viele Jahre in der hart umkämpften Branche behaupten, kennt kaum jemand ihre Namen geschweige denn ihr Gesichter.

Das ist vielleicht auch gut so. Es reicht ja aus, wenn ihr Erfolg singend und tanzend in den Ohren vieler Konsumenten klingt, die dafür Geld auszugeben bereit sind. Das Geschäft selbst, das die Manager betreiben, ist das Interessantere. Und also hat sich der Zoch-Verlag eben diesem Geschäft zugewandt. Peter Wichmann erdachte als Autor des Spiels Schrille Stille den Spielmechanismus, der viele Elemente, die in der Musikmanagement-Brache zum Tragen kommen, integriert.

Spielprinzip und Spielmaterial

Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Musikmanagern, deren Ziel es ist, ihre Schützlinge auf ihren Labels (Plattenfirmen) zu vermarkten. Wie im richtigen Leben auch, versucht man dabei, sowohl der Konkurrenz zu schaden, als auch die eigenen Labels weit oben zu platzieren. Doch bald gilt ein erfolgreicher Titel als totgehört und muß ausscheiden. Dann müssen sich die betroffnen Manager schnell nach erfolgreichen Newcommern umsehen und sie unter Vertrag nehmen.

Spielmaterial

Wie die Musikbranche vielfältig ist, so ist auch das Spielmaterial von Schrille Stille reichhaltig. Neben dem länglichen Spielplan, auf dem die ersten 14 Plätze der Charts sowie die Wertungsskala für die Spieler markiert sind, gibt es Bandkarten. Diese zeigen alle Bands, für die man sich engagieren kann. Jede Karte trägt eine bestimmte Farbkennung, die entweder aus zwei oder nur aus einer Farbe besteht. Dadurch wird angezeigt, welcher Spieler sich um die jeweilige Band kümmern muß, weil sie ihm farblich zugeteilt ist.

Für die Ermittlung der Reihung in den Charts gibt es Einflusschips aus Holz. Sie tragen sowohl positive (schwarz), als auch negative (rot) Werte und passen sehr gut in die für sie vorgesehenen Stanzungen der CD-Hüllen der Spieler. Die Hüllen zeigen alle 14 Plätze in einem CD-Rund angeordnet. Ein aufgelegtes Raster ermöglicht es, die Einflusschips jeweils auf den Platz zu legen, auf den man ihn legen möchte. Die "CD" läßt sich anschließend schließen, wodurch neimand erkennt, welche Plätze man protegiert.

Den Spielern stehen auch Tippsteine für den Aufsteiger der Woche sowie die "Nummer 1" zur Verfügung. Auch diese können sie in die CD-Hülle legen. Alle Tippsteine werden in einem CD-Player gesammelt. Dieser ist aus Holz und genial konstruiert: Auf einem Sockel liegt eine hohe Drehscheibe mit Lochvertiefungen, die den 14 Plätzen der Charts entsprechen. Mit einem Drehstift wird jeder Chartplatz über einen Output gedreht, wodurch alle Tippsteine der Spieler nun herausfallen (sofern welche dorthin gelegt wurden). So wird eine Wertung ermöglicht, die zugleich die Identität der Wertenden geheim hält.

Neben dem reichhaltigen Spielmaterial ist noch die Spielanleitung zu erwähnen. Das ist ein 12seitiges DinA4-Heft, doch die erste und letzte Seite können nicht zur Spielregel direkt gerechnet werden. Auf den ersten beiden Innenseiten wird alles Spielmaterial mit Bildern und graphischen Elementen erklärt. Anschließend werden die Regeln Schritt für Schritt erklärt. An der Seite der Regeln läuft de Kurzspielregel mit, die das schnelle Auffinden relevanter Stellen erleichtert. Mit vielen Bildern werden verschiedene Regelteile verdeutlicht, so dass der unfangreiche Text nicht zur Bleiwüste verkommt. An die Regeln schließt sich ein ausführliches Spielbeispiel an, das mit Bildern erläutert wird und gut drei Seiten umfasst. Alles in allem ist die Spielanleitung also gut gelungen.

Das Spiel beginnt

Nachdem jeder Spieler sich für eine Spielfarbe entschieden und die entsprechende CD-Hülle samt Raster erhalten hat, zudem die ersten 14 Plätze der Charts mit Bandkarten belegt worden sind, beginnt das Spiel. Reihum zieht jeder sich aus einem Beutel 7 Einflusschips, aus denen er fünf auswählt, die er in das Raster seiner CD-Hülle einsetzen darf. Dazu darf er auch seine Tippsteine für den Aufsteiger der Woche sowie die Nummer 1 einsetzen. Auf jedem Feld darf aber nur ein Tippstein liegen.

Hat jeder Spieler seine Tippsteine verteilt, bekommt der Spielleiter alle geschlossenen CD-Hüllen. Die legt er auf dem CD-Player und zieht die Hüllen weg. Da der Player alle Tipps verdeckt, weiß nun niemand, wo welche Tippsteine liegen. Der Spielleiter dreht nun vorsichtig die Drehscheibe von Platz zu Platz. Immer dann, wenn Tippsteine herauspurzeln, hält er inne und es kommt zu einer Wertung der Steine. Eine Wertung sieht so aus, dass positive und negative Werte von Einflusschips zusammen gerechnet werden. Das Ergebnis bewegt eine Band auf dem gewerteten Platz um so viele Felder nach oben oder unten, wie das Ergenbis es vorgibt. Steigt die Band nach oben, schiebt sie alle anderen Bands, die sie überholt, um einen Platz nach unten.

Tippsteine werden jeweils auf ide bezeichnete Band gelegt. Die Tippsteine werden erst dann gewertet, wenn alle Plätze gewertet wurden. Dann zeigt sich, welche Band den größten Sprung nach vorne getan hat. Wer auf dieser Band seinen Tippstein liegen hat, bekommt Zusatzpunkte. Am Ende zeigt sich auch, welche Band die neue Nummer 1 ist. Wer hier seinen Nummer 1-Tippstein liegen hat, bekommt (noch einmal) Sonderpunkte. Wessen Band die Charts verlassen, d.h. hinter den 14. Platz gefallen ist, der muß Punkte abgegen.

Sind alle Wertungen abgeschlossen, werden auf die Bands Platzmarker gelegt. Die sind notwendig, um in allen folgenden Runden Wertungen durchführen zu können. Anschließend werden die Spieler gefragt, ob sie ihre Farbe wechseln wollen. Frei gewordene Plätze werden mit neuen Bandkarten aufgefüllt. Dann startet das Spiel in eine neue Runde. Das geht so weiter, bis ein Spieler mit seinem Marker auf der Wertungsleiste die Marke "70 Punkte" überschritten hat. Er ist der Sieger des Spiels (wenn ihn in der Endabrechnung kein anderer Spieler überholt).

Während des Spiels kommt es zweimal zu einer völligen Neuorientierung bei den Charts. Wenn der Marker eines Spielers die Marke "30" und "50" überschreitet, gehen die ersten drei Bands (nach erfolgter Wertung) aus dem Spiel. Dadurch wird die mögliche Dominanz eines Labels gebrochen und ein Tausch der Farbe vielleicht interessant. Zudem kommen bis dahin vielleicht benachteiligte Spieler wieder ins Spiel und können noch gewinnen.

Worte des Lobes, Worte des Tadels

Schrille Stille dauert etwas über 90 Minuten. Die Zeit ist aber niemals lang oder langweilig. Die taktischen Möglichkeiten einerseits, die Technik des Players andererseits sorgen für Kurzweil und Anspannung bis zum Schluss. Da man nur immer raten kann, wer für welche Gemeinheit verantwortlich ist, kann man nur bedingt direkt gegen einander spielen. Das gibt auch die tatsächlichen Verhältnisse in der Musikbranche wider, wo manchmal alle Promotion nichts gegen den Erfolg der Konkurrenz auszurichten vermag.

Das reichhaltige Spielmaterial und gerade der genial erdachte Player-Mechanismus tragen zum sehr guten Eindruck des Spiels bei. Manchmal kann man sich des Eindrucks nichts erwehren, das gewisse Spielzüge weniger von taktischen Erwägungen, als vielmehr von der Faszination des Player-Systems bestimmt wurden. Alles Material ist von höchster Qualität und sieht durchaus haltbat aus. Insofern ist der vielleicht hoch erscheinende Preis mehr als angemessen. Man bekommt sehr viel Spiel für dieses Geld.

Ob freilich die Zehnjährigen mit dem Spielsystem selbst zurecht kommen, bleibt fraglich. Sicher, der Player verleitet zum Spielen, doch die taktischen Möglichkeiten und die Spielidee wollen doch eigentlich nicht aus den Augen verloren werden. Mit Zwölfjährigen ist das schon eher zu bewerkstelligen. So avanciert Schrille Stille zu einem hervorragenden Familienspiel, das höchste und beste Noten verdient. Eine weite Verbreitung ist ihm von ganzem Herzen zu wünschen.

Schrille Stille von Peter Wichmann, Grafik: Kerstin Müller & Victor Boden, Verlag: Zoch, 3-6 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer ca. 90 Minuten, Preis: ca. 75,00 DM

Jürgen Henrich


Sönke Weidemann <soenke.weidemann@t-online.de> 17.09.2000 17:07
Hier nur ein paar Ergänzungen zum obigen Text: Bei der Spielvorbereitung kann man sich natürlich für seine Lieblingsfarbe entscheiden, bevor die ersten 14 Gruppen ausgelegt werden. Spannender -und etwas weniger glücksabhängig- ist es jedoch, so vorzugehen, wie es die Spielregel auch vorsieht: Beginnend mit Platz 14 werden nach und nach die Gruppen ausgelegt. Wer sich als erster jetzt für eine bestimmte Farbe
entscheidet, erhält die dazugehörige CD. Wer also lange mit seiner Wahl wartet, bekommt zwar die zunächst höher plazierten Gruppen, geht aber das Risiko ein, dafür nur wenige Gruppen seines Labels zu erhalten. In unseren Spielrunden wurde das Spiel zunächst als nettes, aber sehr glücksabhängiges Spiel aufgenommen. Nach und nach stellte sich dann aber doch heraus, daß man mit einer gehörigen Portion Bluff und dem Tippen auf den Erstplazierten und den Aufsteiger der Woche mehr ausrichten kann, als mit einem simplen Die-Guten-Werte-für-mich-die-schlechten-für-die-Mitspieler.
 

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