Spielbesprechung

Vino

In vino svago!

Kleine Kulturgeschichte des Weines

Vino CoverIn Mesopotamien und in Ägypten wird bereits im 4. Jahrtausend vor Christus der Saft der Weintrauben alkoholisch gegärt. Das bedeutende Seefahrervolk der Phöniker verbreitet den Wein im gesamten Mittelmeerraum. So kommt der Wein noch vor Mitte des 2. Jahrhtausends v. Chr. nach Griechenland und durch die phönikische Siedlung Massilia (Marseille) nach Spanien und Frankreich. Die Römer übernehmen den Weinanbau von den Griechen und verbreiten ihn nach der Besetzung Spaniens vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. nach Burgund und ins Elsaß, an Rhein und Mosel, nach Britannien und Pannonien. Merowingische und karolingische Herrscher fördern die Klöster, durch die der Weinanbau nach Mittel- und Norddeutschland gelangt.

Um 1400 hat der Weinanbau vermutlich seine größte flächige Ausbreitung in Europa erreicht. Treibende Krfat ist im Mittelalter die Versorgung mit Meßwein. Durch Zumischung von Sirup, Honig und Gewürzen wird der Wein aber auch für den allgemeinen Gebrauch genießbar. Als im 14. und 15. Jahrhundert die Hanse (internationaler Kaufmannsbund) milde Weine aus Spanien und Italien einführt, zieht sich der Weinanbau (in Deutschland) auf die bis heute aktuellen Anbaugebiete zurück. Im 17. Jahrhundert kommt der Weinanbau durch die Glaubenskriege, im 19. Jahrhundert durch die Säkularisation ("Verstaatlichung") der Klöster sowie die Einschleppung der Reblaus aus Amerika, die weite Anbaugebiete zerstört, fast zum Erliegen.

Neben seiner Bedeutung als Rauschmittel hat der Wein aber auch sakrale Symbolfunktion. Er dient vielen Religionen zum Opfer und zur Stimulanz vor kultischen Ritualen. So beispielsweise im Dionysos-Kult, der wahre orgiastische Züge annimmt. Buddha verbietet ihn wegen seiner schädlichen Wirkung. Der Koran erlaubt ihn ganz ohne Bergündung nicht. Für das Judentum gilt er als Gottesgabe und Segen. Den Christen wird er zum Getränk der messianischen Zeit. Der Weinstock wird zum (alttestamentlichen) Symbol für die Juden und zjm (neutestamentlichen) Ausdruck für Jesus Christus. Heute verwenden die christlichen Kirchen den Wein bei dem Heiligen Abendmahl bzw. der Eucharistie-Feier.

Ganz weltlich betrachtet, hat sich Wein inzwischen als angenehme Gaumenfreude bei einem guten Essen oder als Gesundheitstropfen etabliert. Weltweit werden fast unüberschaubare Rebsorten angebaut, die schiere Weinseen produzieren, weil der Verbrauch weit hinter der Produktion bleibt. Europa bleibt größter Wein-Produzent, wobei Italien mit Abstand die meisten Hektoliter Wein herstellt. Deutschland hingegen ist eines der Länder, die mit den höchsten Weinverbrauch haben.

Deshalb kommt es nicht von ungefähr, dass fast jeder schon einmal etwas von einem Pinot Grigio oder Trebbiano oder Suave gehört (und wohl auch gekostet) hat.

Spielprinzip und Spielmaterial

Was liegt da näher, als den weinliebenden Ludophilen ein Spiel zu präsentieren, das die sinnlichen Gaumenfreuden spielerisch ergänzt? Das mag der Hintergrund für Christward Conrads Spiel der Weinberge gewesen sein, das mit dem Titel Vino seit Herbst 1999 von Goldsieber vertrieben wird. Darin treten die Spieler als Managern von Weinbergen in ganz Italien gegen einander an. Ihr Ziel ist es, die jeweils gefragtesten Rebsorten günstig ein- und gewinnbringen zu verkaufen. Zugleich müssen sie für genügend Anbau bestimmter Rebsorten sorgen. Und all dies geschieht auf italienischem Staatsgebiet.

Ganz klar und deutlich wird das, wenn schon nicht vom Cover her, auf dem Franz Vohwinkel Weinberge in typisch süditalienischer Umgebung zeigt, anhand des großen Spielplans. Der zeigt den charakteristischen Italienstiefel, wobei das Staatsgebiet der Cisalpinen nicht nach politischen Verwaltungsbezirken, sondern nach Weinanbaugebieten eingeteilt ist. Die Spieler erfahren, wo sich Ligurien, Lazio, Campania, Sardegna, Calabrien, die Abruzzen, die Toskana, Veneto und Trentino befinden und welche Rebsorten dort jeweils angebaut werden. Dazu sind neben jedem Anbaugebiet mit diesem farbgleiche Abdeckfelder abgebildet.

Spielmaterial

Desweiteren zeigt der Spielplan in einer Ecke eine Grafik, die die Weinbörse darstellt. Hier gibt es fünf Felder mit negativem, vier Felder mit positivem und ein Feld mit neutralem Wert. Zu spielbeginn werden alle im Spiel befindlichen Rebsorten neutral bewertet. Schließlich befindet sich noch eine symbolische Windrose auf dem Spielplan, die die Reihenfolge der Spieler im Spiel markiert.

Die des öfteren erwähnten Rebsorten werden durch zweierlei Arten von Plättchen dargestellt. Da gibt es einmal die runden dunkelroten, die für den Wert der Rebsorten an der Börse gebarucht werden. Dazu gibt es aber auch die Plättchen, die mit den Anbaugebieten Italiens farbgleich sind und auf die entsprechenden Felder neben den Anbaugebieten platziert werden. Bei diesen Plättchen erweist sich die Farbgebung der italienischen Weinanbaugebiete als unglücklich. Manche Farben werden leicht verwechselt (Calabrien und Ligurien, Toscana und Veneto, Trentino und Campania) und bringen ein Spiel völlig durcheinander, wenn die Verwechslung erst während des Spiels auffällt!

Die Ablagetafeln, die der Verwaltung der Rebsorten in den einzelnen Anbaugebieten dienen, zeigen alle Anbaugebiete in den dem Spielplan entsprechenden Farben. Zugleich weisen sie auch jeweils eine Spalte für die verschiedenen Rebsorten aus. Diese ist mit ausgestanzten Löchern versehen, in denen kleine Holzkügelchen den die jeweilig angebaute Menge an Rebsorten markieren. Dieses inventive System ist zwar gut, funktioniert aber nur auf flachen Spielunterlagen. Und leider gehen die kleinen Kügelchen leicht verloren, so daß bald neue gekauft oder nachbestellt werden müssen.

Zu den zwar schönen, doch leider auch verlustgefährdeten Kleinteilen des Spiels gehören auch das kleine Weinfässchen aus Holz sowie die formschönen Flaschen (ebenso aus Holz). Das Fässchen wird im Spiel dazu benötigt, den jeweils am Zug befindlichen Spieler zu markieren. Die Flaschen dienen zur Marierung, welche des Anbaugebiete bereits komplett "abgerechnet" ist. Zugleich markieren sie auch das Spielende, denn sobald alle dieser Flaschen ("Subventionssteine") vom Spielfeld genommen sind, endet das Spiel.

Zum Spielmaterial gehören schließlich Spielgeld, Spielchips, Sichtschirme für die Spieler sowie eine Kurzspielregel. Das Spielgeld dient dem Erwerb von Weinbergen und ist ansonsten nicht für den Spielsieg relevant. Die Spielchips markieren die von den Spielern erworbenen Weinberge. Die Sichtschirme verdecken eine bestimmte Planungsphase der Spieler (dazu später mehr) und verraten zudem, wie viel Erlös der Verkauf von Weinbergen erbringt.

Schließlich die Spielanleitung. Mittlerweile scheint es guter Ton zu sein, bei bestimmter Größe eines Spiels diese als DinA4-Heft beizulegen. So auch bei Vino. Vielfarbig und hochglänzend werden die Regeln auf sieben Seiten erklärt. Zwischen den Textteilen sind erklärende Grafiken, die das mit dem Wort Erklärte bildlich darstellen. So kann man des umfangreiche Regelwerk schnell erfassen und auch während des Spiels auftrauchende Fragen rasch beantworten. Leider gibt es aber an zwei Stellen eine Regellücke bzw. eine Unschärfe in der Formulierung, die dem Spielverlauf schaden (dazu später mehr). Kurze taktische Hinweise am Schluß der Regeln erleichtern das Einfinden in den Spielmechanismus.

Das Spiel beginnt

Dieser gliedert sich in zwei grundsätzliche Abschnitte: Weinberge kaufen und Weinberge verkaufen. Zu Spielbeginn darf jeder Spieler zwei Weinberge in zwei zugelosten Anbaugebieten erwerben. Dazu legt er je einen eigenen Chip auf den erworbenen Weinberg und zahlt den Kaufpreis (ist auf jedem Weinberg abgedruckt) an die Bank. Gleichzeitig verschiebt er die entsprechenden Kügelchen auf seiner Ablagetafel. Ist das geschehen, folgt der nächste Schritt: das geheime Auswählen der Anbaugebiete, in denen man spielregulär Weinberge erwerben will.

Dazu werden die Sichtschirme vor die Ablagetafeln gestellt. Mit zwei eigenen Chips werden zwei Anbaugebiete darauf markiert. Hier will man nachfolgend Weinberge kaufen. Sind alle Spieler damit fertig, wird aufgedeckt und Anbaugebiet für Anbaugebiet "bearbeitet". Beginnend bei Ligurien und endend im Trentino wird ermittelt, welche Spieler wo Weinberge kaufen möchten. Sind das in einem Gebiet mehrere, darf derjenige zuerst kaufen, der dort die meisten Weinberge besitzt. Sollte das aber nicht klar sein, weil entweder niemand dort einen besitzt, oder alle Interessenten gleich viele, darf der zuerst kaufen, dessen Weinberg vom Beginn der entsprechenden Weinstraße am weitesten entfern liegt.

Hier trifft man auf die erste Regelschwäche, denn wo beginnt eine Weinstraße? Und die nächste Schwäche: Wenn niemand von den Interessenten in einem Gebiet einen Weinberg besitzt, wer darf dann zuerst kaufen? Die Regel spricht von einer "Spielerreihenfolge"; ist damit die Reihenfolge gemeint, die beim Verkauf der Weinwerge gilt? So lange diese Dinge nicht geklärt sind, kann das Spiel sinnvoll nicht fortgeführt werden. Gottlob dürfen die Spieler aber die Regellücke durch gütliche Einigung schließen; nur sollten sie das vor dem Spielen tun, um Spannungen im Spiel zu vermeiden.

Ist Einigung erzielt, dürfen also wie folgt Weinberge gekauft werden: Zuerst die Spieler, die in einem Gebiet schon mindestens einen Weinberg besitzen, und zwar so viele, wie sie mögen (und können). Anschließend die Spieler, die hier keine Weinberge besitzen. Die dürfen dann auch nur jeweils einen Weinberg kaufen. Welche Art Weinberg gekauft wird, bleibt den Spielern überlassen. Sie können zwischen privaten und stattlichen Weinbergen wählen. Die staatlichen sind festgedruckt, die privaten heller. So kann man stets genau zwischen den beiden unterscheiden.

Das ist wichtig, denn sobald der letzte staatliche Weinberg gekauft wurde, werden die restlichen (privaten) Weinberge einer Anbauregion an die in dieser Region vertretenen Spieler verteilt. Wer in diesem Anbaugebiet die meisten Weinberge besitzt, bekommt einen kostenlos geschenkt. Wer die zweitmeisten hat, bekommt zwei geschenkt. Und wem die drittmeisten Weinberge gehören, dem werden alle noch übrigen Weinberge geschenkt. Alle Schenkungen werden auf den Ablagefeldern der Spieler mit den Kügelchen festgehalten.

Sind die Käufe getätigt, beginnt der zweite Teil einer Spielrunde: das Verkaufen von Weinbergen. Wer zuerst verkaufen darf (und damit die Preise der Rebsorten festsetzt), sagt die Windrose auf dem Spielplan. Die Reihenfolge der Spieler wird anfangs zugelost; im Spiel wird sie dadurch bestimmt, dass am Ende des Spielabschnitts "Weinbergsverkauf" derjenige als erster in der nächsten Runde verkaufen darf, der den geringsten Erlös in dieser Runde hatte. Die nachfolgenden Plätze werden nach demselben prinzip festgelegt, womit wer den höchsten Erlös erzielte, in der nächsten Runde zuletzt verkaufen darf.

Verkauft dürfen beliebig viele Weinberge werden. Allerdings muß man sich auf eine Rebsorte festlegen. Von den Anzahl der verkauften Weinberge hängt der Preis für eine Rebsorte ab. Verkauft beispielsweise ein Spieler 5 Weinberge, fällt der Preis für die verkaufte Rebsorte um zwei Felder. Zugleich darf entweder der Preis einer Rebsorte um zwei, oder der Preis für zwei Rebsorten um ein Feld erhöht werden. Was erhöht wird, bestimmt der verkaufende Spieler. Werden Weinberge verkauft, setzt der Verkäufer das entsprechende Kügelchen um so viele Felder zurück, wie er Weinberge verkauft. Für verkaufte Weinberge bekommt man entsprechend der Tabelle im Sichtschirm Geld ausbezahlt.

Der Verkauf von Weinbergen bringt aber nicht nur Geld, sondern kostet auch Pacht. In unserem Beispiel muß der Spieler einen eigenen Chip aus einer beliebigen Region nehmen, und zwar aus einer solchen, in der er die Rebsorte, die er gerade verkauft hat, auch anbaut. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn ich kann nur dort entwas verlieren, wo ich auch etwas habe. Sind alle Verkäufe abgewickelt, startet eine neue Runde.

Man spielt so lange, bis alle Weinfalschen neben den Anbaugebieten verschwunden sind. Eine solche verschwindet immer dann, wenn der letzte staatliche Weinberg gekauft und die übrigen verteilt worden sind. Ist die letzte Flasche vom Spielbrett genommen, ist das Spiel vorbei. Wer zu diesem Zeitpunkt die meisten Weinberge besitzt, hat das Spiel gewonnen.

Worte des Lobes, Worte des Tadels

Um den Konkurrenten nicht zu viele Weinberge zukommen zu lassen, kann man im Spiel statt der staatlichen private Weinberge kaufen. Freilich wird dann aber das Spielsystem unterlaufen - und sprengt das Spiel! Auch hier also wieder eine Schwäche, die diesmal aber im Spielsystem begründet liegt. Denn spielt man so, dass man vornehmlich die privaten Weinberge aufkauft, gehen die eigenen Besitzchips nur Neige, bevor alle Regionen abgerechnet sind. Dann stockt Vino und, kommt nicht mehr vorwärts und rückt das Spielende in unendliche Langeweile! Für diesen Fall sieht dsie Spielregel nichts vor. Auch hier sollten die Spieler vorzeitig ausmachen, wie dann zu verfahren ist.

Vino ist ein Spiel, das viele spannende Elemente miteinander zu einem spannenden Spiel verbindet und damit dem svago, dem spaßigen Zeitvertreib, huldigt. Das Geflecht aus Kauf von Weinbergen, Handel mit angebauten Rebsorten und Einfluss auf den Rebsortenpreis durch Verkauf erscheint als gute Simulation des Realen. Die taktischen Elemente überwiegen, Zufall findet man als spielentscheidend nicht. - Doch das Spiel hat leider auch wesentliche Schwächen, die dem Spielreiz zuwider laufen. Zudem erweisen sich die Schwächen erst im Spielablauf, so dass man keine Möglichkeit hat, diese vor Spielbeginn auszuräumen (ausser natürlich man liest vorher eine Beschreibung bzw. Bewertung). Damit wehrt Vino der uneingeschränkt positiven Bewertung, was das Spiel so nicht verdient!

Ein weiterer Schwachpunkt erweist sich darin, dass Vino keinerlei Einführung in die Begrifflichkeit der Welt des Weines bietet. Viele Weintrinker wissen nämlich mit Begriffen wie "trocken", "halbtrocken", "lieblich" oder "fruchtig" nur sehr vage etwas zu verbinden. In einem kleinen Anhang hätte dem abgeholfen werden können. Und auch über die Geschichte der endlen Tropfen, wie auch über die Herstellung desselben erfährt man nichts. Ausserdem: Warum wurde gerade Italien als Location ausgewählt? Schade, dass Goldsieber die mit Vino gebotene Möglichkeit, auch über den Kulturträger Wein Wissen zu vermitteln, nicht genutzt hat.

Vino von Christwart Conrad, Grafik: Franz Vohwinkel, Verlag: Goldsieber Spiele (1999), 3-5 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer ca. 90 Minuten, Preis: ca. 60,00 DM

Jürgen Henrich


Hagen <hagenschulze@web.de> 07.08.2002 18:37:

Dieses Spiel hat unserer Spielerunde im großen und ganzen sehr gut gefallen. Wenn man mal von dem eher abschreckenden "Opa" auf dem Deckel und einigen Regelfragen (die sich im Laufe des Spiels aufklärten) absieht, ist Vino ein spannendes und unterhaltsames Spiel, welches man ruhig öfter aus dem Spieleschrank herauskramen kann (und muss). Uns hat es viel Spaß gemacht - zum Wohl! Hicks...!

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