Spielbesprechung
Nach der gleichnamigen Affäre ist Amigo zu einem bayrischen Ausdruck geworden und Saludos Amigos! zu einem bayrischen Gruß. Zumindest, wenn man der Spielregel glaubt, die sich, so scheint's, primär an die Bajuwaren unter uns wendet. Nach einem langjährigen Aufenthalt in einem Dorf Schleswig-Holsteins kann ich Euch versichern: die Amigos sind immer und überall!
Schauplatz des Spielgeschehens ist ein kleines Dorf, in dem der Bau-Boom ausgebrochen ist. 6 Bauvorhaben, die jeweils aus 1-6 Bauabschnitten bestehen, sollen den Spielern, die hier die Rolle von Baulöwen übernehmen, zu vielen Millionen in der Kasse verhelfen. Die Bauabschnitte, kleine Kärtchen, liegen in einem Filzbeutel. Wer am Zug ist, zieht ein Kärtchen heraus. Dann beginnt die Hatz, den Bauauftrag an Land zu ziehen.
In den nun folgenden Verhandlungen hat jeder Spieler eine gewisse Verhandlungsstärke. Sie ergibt sich aus der Anzahl von Gemeinderatsmitgliedern (Karten), die er besitzt, und einem Würfelwurf. Niemand ist stark genug, einen Auftrag allein zu übernehmen. Also wird wild durcheinander verhandelt, wer nun mit wem zusammengeht. Den Auftrag erhält schließlich die Koalition, die die größte Verhandlungsstärke besitzt. Allerdings müssen sich die Spieler dieser Koalition darüber einige sein, wie sie die Millionen, die ihnen der Auftrag bringt, untereinander aufteilen. Wie viele Millionen ein Bauabschnitt einbringt, hängt von der Größe des gesamten Bauvorhabens ab und davon, wie weit es bereits fertiggestellt ist.
Damit könnte der Spielzug beendet sein: Ein Teil der Spieler , die siegreiche Koalition, freut sich und kassiert die Millionen für den Bauabschnitt, angezeigt durch einen Pöppel, der auf einer Skala rund ums Spielbrett nach vorn geschoben wird; der andere Teil, die Opposition schaut in die Röhre, erhält aber zum Trost ein weiteres Gemeinderatsmitglied vom Kartenstapel. Vielleicht aber sieht ein Mitglied der Opposition eine Chance, den Auftrag doch noch an Land zu ziehen. Dann beruft er eine Sitzung des Gemeinderats ein. Jetzt spielen Koalition und Opposition geheim ihre Karten aus. Die ausgespielten Kartenwerte werden zur bereits bekannten Verhandlungsstärke addiert. Die Seite mit dem höchsten Gesamtergebnis kassiert die Millionen. Und natürlich hat am Ende gewonnen, wer die meisten Millionen auf dem Konto hat.
Auf den ersten Blick hatte uns das Spiel überzeugt. Originelles Thema, funktionierende Mechanismen, Spielspaß - alles ist da. Daß Spiele, bei denen verhandelt wird, nicht immer funktionieren, ist klar. Vieles hängt halt von den Leuten ab, die am Spieltisch sitzen. Der sehr positive, erste Eindruck ist bei uns inzwischen allerdings ein wenig auf der Strecke geblieben. Schuld daran sind ein paar Details, die man tunlichst ändern sollte.
Da sind beispielsweise die Journalisten. 2 Plättchen mit Presseleute liegen zusammen mit den Bauabschnitten im Filzbeutel. Wird eines davon gezogen, verlieren alle Spieler, die mehr Gemeinderatsmitglieder besitzen als der Spieler mit den wenigsten Karten, entsprechend viele Millionen. Beispiel: Spieler A, B, C, D besitzen 1, 2, 3, 4 Karten mit Gemeinderatsmitgliedern. B verliert 1 Mio, C 2 und D 3 Mios. Wenn's der dumme Zufall will, tauchen die Journalisten öfter auf. Besonders dämlich ist ihre Wirkung nach einer Gemeinderatssitzung: Da hat sich ein Spieler engagiert und seine ganzen Karten eingesetzt mit dem Erfolg, daß seine Fraktion den Bauabschnitt gewinnen konnte. Dann taucht anschließend so ein Journalist auf und sorgt dafür, daß diejenigen, die leer ausgegangen sind, auch noch Millionenverluste einstecken müssen. Wenn das dann noch innerhalb weniger Züge mehrfach passiert, sind immer wieder dieselben Spieler betroffen. Mein Vorschlag: Jeder Journalist tritt nur einmal in Aktion und wird dann aus dem Spiel genommen. Die Regel "Vorzeitiges Ende bei zwei Journalisten" wird gestrichen.
Zweiter Kritikpunkt ist der Schlußbonus. Wird das letzte Kärtchen für das vierte Bauvorhaben aufgedeckt, endet das Spiel sofort; der Spieler mit den höchsten Einflußstärken seiner Gemeinderatsmitglieder kassiert den Schlußbonus. Durch das Glück des Zufalls kann ein Spieler hier noch zum Sieger werden - irgendwie unbefriedigend, wenn man sich das ganze Spiel über durch zähe Verhandlungen an die Spitze gekämpft hat. Mein Vorschlag: Auch der allerletzte Bauabschnitt wird wie alle anderen Bauabschnitte abgewickelt; der Schlußbonus entfällt.
Von anderen Spielern war zu hören, daß es selten zu Sitzungen des Gemeinderats kommt, weil dadurch zu viele Karten verloren gehen. Diesen Punkt kann ich nicht bestätigen. Allerdings habe ich eine Partie erlebt, in der die Opposition nie eine Chance hatte, weil die Koalition von vornherein eine sehr hohe Verhandlungsstärke hatte. Darum wäre zu überlegen, ob die Verhandlungsstärke im Gemeinderat noch eine Rolle spielen sollte oder ob nicht allein die Einflußstärke über den Ausgang der Sitzung entscheiden sollte.
Unterm Strich bleibt festzuhalten, daß das Spiel offenbar noch ein bißchen Feintuning nötig hat. Trotzdem ist es den Kauf allemal wert.
Saludos Amigos! von Peter Lewe, 4-7 Spieler, Verlag: Goldsieber
KMW