Leserbeitrag

Ben Hur

Ben Hur von Jean du Poel, 2-6 Spieler ab 10 Jahren, Historien Spielegalerie, Preis DM 89,-, Bezug vorzugsweise direkt über den Verlag (Historien Spielegalerie: Jean du Poel, Horststr. 10, D-49632 Essen/Oldb., Tel.: 05434/3861)

Dr. Arne Claussen <claussen@mail.wz.nrw.de> 10.01.2001 20:50:

Wer hat sich nicht auch schon mal gewünscht, dass man bei einem Rennspiel nicht nur auf vorgegebene Felder beschränkt ist, sondern sein Fahrzeug ohne störendes Raster über den Spielplan kurven lassen zu können? Wer nach einem solchen Spiel sucht, der sollte sich einmal Ben Hur ansehen.

Der erfahrene CoSim-Spieler mag jetzt argwöhnen, dass man sich bestimmt mit Zollstock, Winkelmaß und diversen anderen geometrischen Hilfsmitteln bewaffnen muss, um auf die festen Felder verzichten zu können. Aber weit gefehlt, es geht auch anders: Jeder Spieler hat eine – bei Ben Hur natürlich einen Streitwagen symbolisierende – Spielfigur mit einer Basis, die vorne und hinten jeweils spitz ausläuft, und zwar in einen 120 Grad-Winkel. Will man ziehen, so legt man an die Spitze ein Holzbrettchen an, kann dieses entsprechend des Winkels der Basis drehen und setzt abschließend die Spielfigur am anderen Ende des Brettchens wieder ab, indem man nochmal um die Spitze herum drehen darf. Wer mitgerechnet hat – und wenn ich es richtig beschriebe :-) : Insgesamt ist pro Spielzug so eine Richtungsänderung um 60 Grad möglich. Die Länge des Brettchens gibt die Bewegungsweite der Spielfigur an; es gibt also abhängig von der gefahrenen Geschwindigkeit unterschiedlich lange Brettchen, insgesamt fünf; das Brettchen ist so breit wie die Basis und symbolisiert so den Wagen, der sich an den Konkurrenten vorbeizuschlängeln versucht. Dazu muss natürlich der Weg frei sein, d.h. das Brettchen darf auf seinem Weg nicht über die Basis einer anderen Spielfigur liegen oder über den Spielfeldrand ragen. Wer letzteren berührt, der erleidet das Schicksal manches wackeren Wagenrenners, nämlich den Crash mit der Mauer – sehr ungesund, wie uns schon der gleichnamige Film zum Spiel, ... oder war's umgekehrt ..., gezeigt hat. Wer über die Basis eines anderen Spielers fahren will, der muss einen Rempelversuch machen, dazu gleich noch ein paar Worte.

Die Geschwindigkeit wird festgelegt, indem der Spieler an der Reihe – es zieht zuerst der am weitesten vorne liegende – eine Karte legt, die die aktuelle Geschwindigkeit angibt. Von den Karten hat er zu Spielbeginn vier, im Normalfall dürfen sie nach dem Zug auch wieder nachgezogen werden. Es gibt zwei Nachziehstapel, einer mit den niedrigeren und einer mit den höheren Geschwindigkeiten. Die niedrigen braucht man vor allem, um um die beiden Kurven des ovalen Parcours rumzukommen – zu hohe Geschwindigkeiten lassen die Pferde rasch die harte Mauer schmecken. Dass wäre ja alles ganz einfach und steuerbar, wären in den Stapeln neben den Geschwindigkeitskarten nicht auch noch Ereigniskarten, die allmählich die Kartenhand verstopfen. Müssen sie gespielt werden, so heisst es nicht nur aussetzen – was in einer Situation, in der man von Mitspielern ausgebremst wurde, gar nicht so schlimm sein muss. Abhängig von einem Würfelwurf kann man auch noch eine Karte verlieren, sprich man verliert das Recht auf das Nachziehen.

Nun noch zu den Raudis auf der Rennbahn: Stehen Mitspieler im Weg, so bestimmt ein Würfelwurf, ob ein Rempelversuch erfolgreich ist. Wenn ja, dann muss der Gerempelte auf die Ursprungsposition des Remplers zurück, und der Agressor darf seinen Zug ausführen. So kann ein vorneliegendes Gespann leicht mal mit zwei, drei Remplern nach hinten durchgereicht werden. Wenn der Würfel aber nicht hold war, dann heisst es für den Möchtegern-Rempler aussetzen. Und wie ganz im richtigen Wagenrennerleben gibt es auch noch die Peitsche, die einen störenden Zeitgenossen an der Spielfeldrand treiben kann.

Nach einer bis drei Umrundungen des Ovals gewinnt derjenige, wer hätte es gedacht, der die Ziellinie als erster überfährt und auch am Ende der Runde noch am weitesten vorne steht.

Der Zugmechanismus von Ben Hur funktioniert prächtig, es macht Spaß, die Wagen durch's Gewühle zu bugsieren. Der größte Kritikpunkt am Spiel ist die Geschwindigkeitsbestimmung per Karten, die einen hohen Glücksfaktor ins Spiel bringt und dazu führt, dass zu Spielende mancher Spieler nur noch mit Ereigniskarten auf der geschrumpften Hand sitzt oder vorzeitig mangels Karten ganz ausscheidet. Hier wünscht sich der geübte Rennspieler einen überschaubareren und planbareren Mechanismus, der durchaus noch zu ergänzen wäre. Ansonsten aber ein empfehlenswertes Spiel, welches aufgrund der handgefertigten Holzfiguren, Karten und Spielplan auch noch edel aussieht – aber entsprechend auch seinen Preis hat.


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