Leserbeitrag
Drachendelta von Roberto Fraga, 2-6 Spieler, Eurogames (2000), Preis ca. 59,90 DM
Ralf Abilgaard <Abilgaard@t-online.de> 03.11.2000 15:12
Jedes Jahr findet im Delta des Drachenflusses ein großer Wettbewerb im Fluß überqueren statt. Spielregel und Schachtel weisen uns obendrein darauf hin, daß nur die tapfersten Helden an diesem Wettlauf teilnehmen und sich im Delta ein gefürchteter Drache befindet. Wohl wegen selbigem Drachen und vor allem da sich auch in China niemand gerne nasse Füße holt, überquert man den Fluß nicht mit Booten oder einer Furt, sondern mit kleinen wackeligen Holzstegen, die man von Felsen zu Felsen baut und anschließend zu betreten wagt.
Wer die Schachtel öffnet und den Spielplan ausbreitet findet dort eine Wasserlandschaft mit sechs Uferregionen und einer Menge Felsen vor. Es fällt einem leichter sich hier einen See als ein Flußdelta vorzustellen, aber im Wasser zeichnet sich bläulich der erwähnte Drache ab.
Jeder der Mitspieler startet an in einem Dorf an einem der Ufer und erhält dazu eine farblich passenden Spielstein, sowie sechs numerierte Stege in unterschiedlichen Längen und dreizehn Aktionskarten. Ähnlich wie bei Robo Rally muß ich mir aus den Aktionskarten fünf Stück aussuchen und in eine Reihe legen. Somit plane ich im Voraus, welche fünf Züge ich in der folgenden Runde machen möchte.
Die Stege können nicht direkt auf den Spielplan gelegt werden, sondern müssen, außer in den Uferregionen mit kleinen Holzsteinen, die ich auf die Felsen lege, befestigt werden. Somit lassen mir die Aktionskarten folgende Optionen offen:
· Ein oder zwei Steine legen
· Ein oder zwei Stege bauen
· Ein oder zwei Stege weit mit meiner Spielfigur ziehen (Auch fremde Stege dürfen betreten werden)
· Eine gegnerische Spielfigur überspringen
· Einen Steg oder Stein entfernen
· Einen anderen Spieler aussetzen zu lassen
Bei der Auswahl meiner Aktionskarten muß ich vor allem die Reihenfolge beachten, denn wenn ich keine Steine gesetzt habe, kann ich auch keine Stege bauen und ohne Stege kann ich nicht laufen. Interessant ist dabei, daß die Aktion, wenn irgendwie möglich, durchgeführt werden muß! Muß ich einen Steg bauen und ich habe gerade keine Steine, über die ich meinen Weg weiterführen könnte, so muß ich halt den Weg einer meiner Mitspieler verlängern oder, wenn er nicht paßt, diesen in die Schachtel zurücklegen. Dabei kann es auch vorkommen, daß ich mich bei den Abständen der Steine verschätze und der Steg zu kurz geraten ist auch hier gilt dann: Anderswo oder letztendlich in die Schachtel zurück legen. Sollte so ein Steg versinken verliert meine Spielfigur obendrein das Gleichgewicht und fällt ins Wasser.
Ähnlich ergeht es mir mit dem Laufen. Kann ich die vorgesehene Strecke nicht gehen, etwa weil kein Steg da ist oder ein anderer Spieler im Weg steht, falle ich ins Wasser. Hier tritt nun nicht etwa der Drache in Aktion und frißt mich, sondern ich schwimme zurück zu meinem Ufer und mach mich noch einmal auf den Weg.
Klingt alles ganz einfach, wenn da nicht die lieben Mitspieler wären, deren Aktionen und Figuren den meinigen oftmals genau entgegen laufen. Gerade jetzt, wo ich meinen Steg setzen will, hat mir einer den Stein weggenommen. Ich hatte fest damit gerechnet über den Anderen springen zu können und der geht einfach weg - Platsch. Ich habe gut geplant und will zwei Steine setzen und diese ... Mitspielerin läßt mich aussetzen - wo tue ich den jetzt meine zwei Stege, die ich mit der nächsten Karte bauen muß hin? He wieso nimmst Du mir meinen Steg weg, jetzt muß ich die zwei Stege ja zurück gehen?
Oft ist hier die Zugreihenfolge entscheidend und ich sollte genau darauf achten wie weit ich vom Startspieler wegsitze. Ärger und nasse Füße sind hier vorprogrammiert und oft genug ist Improvisationstalent gefragt um die geplante aber leider so nicht mehr mögliche Aktion anders durchzuführen.
Sind die fünf ausgesuchten Aktionskarten durchgespielt, erhält jeder seine Karten zurück und ich kann wieder aus dem Vollen schöpfen. Vielleicht gelingt es mir ja in dieser Runde wenig-stens eine Verbindung zum gegenüberliegenden Ufer zu bauen - womit ich aber noch lange nicht drüben bin. Sobald der erste sein trockenes Ufer erreicht hat endet das Spiel sofort.
Das Spiel ist interaktiv und hat eine einfache Spielregel. Es taugt sowohl als Familienspiel, wie auch für große Tüftler, die bereit sind nicht mit vollem Ernst an die Sache zu gehen. Ähnlich wie bei Robo Rally von dem Drachendelta den Zugme-chanismus übernommen hat, kommt die große Freude aber erst mit mehreren Spielern auf, da man sich dann so richtig im Weg steht - bei diesem Spiel ab etwa vier Spielern.
Die Einzigen Nachteile liegen ersten in der Graphik des Spielplans. Das blaue Dorf hatals einziges ein grünes Ufer und das schwarze als einziges blaue Dächer, man vermutet also es würde sich um das grüne oder das blaue Dorf handeln. Die Farben ergeben sich jedoch nicht aus den Abbildungen. Jedes Ufer ist mit einem schmalen Farbstreifen am Spielfeldrand ver-sehen, der angibt mit welcher Farbe der Besitzer des Dorfes spielt. Nahezu jeder, der das Spiel zum ersten Mal spielt sieht diese Farbstreifen nicht und fragt sich von wo nach wo er denn nun muß.
Obendrein erscheint der Einführungstext auf Schachtel und Spielanleitung etwas reißerisch: "im Delta des Drachenflusses befindet sich seit Jahrhunderten ein gefürchteter Drache." Es muß sich bei den Spielfiguren also wirklich um Helden handeln, wenn Sie sich der Gefahr aussetzen ins Wasser zu fallen. Und was macht der gefürchtete Drache mit diesen armen Un-glücklichen? Er läßt sie zurück in Ihr Dorf schwimmen, was nur selten der kürzeste Weg zu einem Ufer ist. Vielleicht handelt es sich ja auch um einen Rettungsflugsaurier, welcher die nassen Helden nach Hause fliegt. Jedenfalls taucht der versprochene Drache im Spiel nicht mehr auf. Eine Solche Mogelpackung hätte ein derart gutes Spiel nun wirklich nicht gebraucht.
Drachendelta, Taktikspiel für 2 bis 6 Spieler ab 8 Jahren, Dauer ca. 45 min Preis ca. 55 DM
Jens Sagemann <jsagemann@uni-bremen.de> 22.03.2001 09:58:
Wie im vorigen Leserbeitrag erwähnt, muss es sich offensichtlich um einen zahmen Drachen handeln, was aber den Spielspass nicht weiter trübt. Die Regeln sind einfach und wenn man weiss, von wo nach wo man zu gehen hat, ergibt sich nach kurzer Zeit ein wunderbares Chaos.
Alles, was man im voraus an eigenen Zügen geplant hat, wird durch die Züge der anderen Spieler zum Teil ins Gegenteil verkehrt. Sodaß man z.B. den Gegnern neue Stege legt, anstatt den eigenen Weg zu sichern. Gelingen tatsächlich mehrere Züge nacheinander so wie geplant, freut mensch sich sehr, nur um in der nächsten Runde. doch ins Wasser zu fallen...
Fazit: Sehr gelungene Mischung aus Strategiespiel mit Zufallselementen und der Interaktion der Mitspieler.