Leserbeitrag
Lunatix Loop von Matt Leacock, 4-6 Spieler, Locust Games (2000)
Dr. Arne Claussen <claussen@mail.wz.nrw.de> 17.11.2000 09:42:
Lunatix Loop
"Liebe Rennspielergemeinde, wir wollen bekennen und lobpreisen: Wir wollen immer fair unsere Runden auf dem Brett drehen, elegant die Kurven nehmen, nie mogeln, stets zuvorkommend fahren und immer den schnelleren Mitspieler vorbeilassen. Und wenn der Würfelwurf einmal nicht paßt, oder wenn einer unserer Mitbrüder im Spiele uns den Weg versperrt, so wollen wir uns glücklich diesem höheren Wink des Schicksals ergeben, denn wir spielen ja nur des gemeinsamen Spielens wegen, und nicht um zu gewinnen."
"Stimmen wir jetzt ein inbrünstiges Amen an", ..., oder hört man da etwa aus den hinteren Reihen ein Gemurmel und Gemurre: "Hat mir doch der Tr... wieder seine sch... Kiste mitten in die Bahn gestellt, den hätte ich ja am liebsten vom Spielbrett gefegt ... Völlig unrealistisch, nur der kriegt Schadenspunkte, der hinten reinfährt, dabei, so richtig gezielt, ..." "Oh ihr Ungläubigen, ihr Frevler, ihr verdient ...... Lunatix Loop!"
Endlich gibt es ein Rennspiel, bei dem man das tun kann, was man immer schon mit den Hilfsbremsern in der Innenbahn tun wollte: rammen, aus der Bahn kicken, mit Reißzwecken bewerfen!
Wenn man die Packung aufmacht, so bietet einem - für stolze DM 65,- Messepreis - ein Inhalt dar, den man von einem Kleinverlag erwarten kann. Die Aufmachung macht nicht viel her, die Plastikchips wollen noch beklebt werden, die Autos sind einfach, der Spielplan schlabberig, die Karten sind auch nicht so griffig wie beim Profihersteller. Aber man vergibt für ein gutes Spiel ja vieles.
Nun aber los zum Rennen. Jeder startet mit dem gleichen Auto, mit einer Maximalgeschwindigkeit von 140 km/h, was einer Fortbewegung um 14 Felder entspricht. Zu Beginn jeder Runde spielt jeder verdeckt eine von fünf Aktionskarten, die jede Runde zur Verfügung stehen. Dann werden, festgelegt durch die Nummer auf der Aktionskarte, die Autos entsprechend der momentanen Geschwindigkeit vorangezogen, beim Überfahren die Auswirkungen der Hindernisse und zu schneller Kurvenfahrt ausgewertet und gegebenenfalls noch weitere Hindernisse abgeworfen.
Die Aktionskarten der Reihe nach: Zuerst ziehen, gemäß der aktuellen Geschwindigkeit, die Rammer (hinten drauf, seitlich, oder frontal), dann die Bremser (Geschwindigkeit um bis zu 40 km/h reduzieren), dann die Schmutzfinken (Hindernisse Reißzwecke, Öllache, Klebstoff abwerfen), dann die Beschleuniger (max. plus 20 km/h, oder Turbokarte ziehen, die schnellere Beschleunigung zulassen, aber auch Motorschäden zur Folge haben kann), und schließlich die Geisterfahrer (Wagen umdrehen und in Gegenrichtung fahren). Die aktuelle Geschwindigkeit kann nur durch Bremsen oder Beschleunigung geändert werden - oder wenn die Maximalgeschwindigkeit unter die aktuelle Geschwindigkeit fällt, was oft genug passiert.
Zu schnell durchfahrene Kurven oder überfahrene Öllachen fordern zum Ziehen von Gefahrenkarten auf (von Fahrzeugschäden bis Psychosen alles vertreten), Reißzwecken führen zum Wurf der Risikowürfel (wodurch die Maximalgeschwindigkeit fallen kann), und Klebstoff reduziert die aktuelle Geschwindigkeit. Auch beim Rammen kommen die Würfel ins Spiel, nur muß diesmal - endlich mal realistisch - der Gerammte mit mehr Würfeln hantieren als der Übeltäter. Bevor die Maximalgeschwindigkeit schneckenverdächtige Werte annimmt, sollte man schnell die Box aufsuchen, an der auch noch psychologische Beratung und Fahrzeugverbesserungen gekauft werden können.
Und wer nach drei Runden als erster die Ziellinie überkriecht - mehr gibt die Maximalgeschwindigkeit meist nicht mehr her -, der hat gewonnen.
Insgesamt ein funktionierendes Rennspiel mit Elementen, die man schon immer vermißt hat: Nämlich die Gegner mal so richtig ärgern! Lunatix Loop spielt sich schnell, kleine Unausgewogenheiten kann man verzeihen, etwa wenn ein Fahrzeug, welches sich schnell vom Feld absetzen kann, kaum noch aufzuhalten ist. Aber der kann auch noch durch den Geisterfahrer gestoppt werden, der den Ausreißer mittels Frontalkarambolage in einen Schrotthaufen verwandelt.
Also Abwechslung am Rennspieleabend. Lunatix Loop muß sicher nicht jeder haben, aber eine Partie zum Abreagieren aufgestauten Frustes kann nicht schaden!