Leserbeitrag
Royal Turf von Reiner Knizia, Grafik: Franz Vohwinkel, 2-6 Spieler, alea (2001), ca. 27,00 DM
Michael Ziemons <ziemel@web.de> 09.01.2002 02:02:
Spiele von Reiner Knizia habe ich schon oft gelobt und gepriesen, so wird er mir verzeihen, wenn ich hier enttäuscht sagen muß: dieses Spiel hat mir wirklich gar keinen Spaß gemacht. Das Kurzinfo auf der Schachtel ist schon verräterisch: es weist bei Anspruch die niedrigste Stufe auf, wie fast nicht vorhanden. Eine ehrliche Offenbarung, Anspruch habe ich wirklich umsonst gesucht. Hatte sich Ravensburger nicht zum Ziel gesetzt, unter der Marke Alea anspruchsvolle Spiele für Freaks zu vertreiben? Royal Turf in eine Reihe mit Ra, Fürsten von Florenz oder Genua zu stellen, ist jedenfalls eine Schande.
Es geht um drei Rennen auf der königlichen Rennbahn von Ascot: zu Beginn einer jeden Runde wetten wir auf die Pferde, dann werden die Pferde auf dem Spielplatz vorwärts gezogen, schließlich wird ausgewertet und die Wetten ausgezahlt. Klar, wer das meiste Geld besitzt, ist Sieger...
Vorwärts gezogen wird nicht einfach mit Würfelaugen, das wäre denn doch zu einfach. Der Würfel besitzt nur Symbole aus dem Bereich des Pferdesports und jedes Symbol bedeutet für jedes Pferd eine unterschiedliche Anzahl Felder, die gezogen werden dürfen; mit Hilfe gezogener Karten verändert sich das jedes Rennen aufs Neue. Jeder Spieler zieht mit jedem Pferd, alle Pferde müssen immer nacheinander bewegt werden. Theoretisch kann ich mir also aussuchen, mit welchen Pferd ich ziehe (zum Beispiel mit dem, auf das ich gewettet habe, und für das dieser Wurf gerade sehr günstig ist), aber praktisch scheitert das an engen Vorgaben, so dass ich vielleicht ein Pferd ziehen muß, das weder mich noch meine Gegner interessiert, oh Ärger! Vielleicht bin ich sogar gezwungen, meinem Gegner zu helfen, was beim Spiel mit sechsen sogar sicher vorkommt – der Ärger hebt sich aber gegeneinander auf, da es jedem so geht, und so wird es auch hier wieder langweilig...
Damit erschöpft es sich dann aber auch schon. Es tut mir leid, aber für mich war dieses Spiel langweiliges Herumgeziehe: das Spiel ist schön ausgestattet, die Anleitung leicht zu verstehen und das Spiel in der kleinen Schachtel handlich und nicht so teuer; aber wem nutzt das schon, wenn es einfach keinen Spaß macht?
Hannes Ernst <hannes-ernst@bluewin.ch> 09.01.2002 10:24:
Wer bei Royal Turf einen Strategiehammer erwartet, nur weil Alea und Knizia draufsteht, wird natürlich enttäuscht sein.
Aber : Als Zockerspiel macht es enorm Spass und funktioniert es hervorragend. Royal Turf ist ja auch keine öde Würfelei. Bluffen ist gefragt und einige taktische Überlegungen sind schon nötig, um gewinnen zu können.
hannes
Arne Hoffmann <arne_hoffmann@web.de> 09.01.2002 11:34:
Ich kann mich Hannes nur anschliessen. Als Zockerspielchen mit schneller Spieldauer (unter 60 Minuten) und einigen Bluffelementen - gerade, wenn die Wettchips verdeckt gelegt werden - hat Royal Turf hohen Unterhaltungswert.
Sylvia Berger <sylvia.berger@mw-zander.com> 10.01.2002 08:56:
"Lassen wir heute wieder die Pferde laufen?" ist die erwartungsfrohe Frage, die wir derzeit oft in unserem Freundeskreis hören. Gemeint damit ist Royal Turf.
Unser Einstieg in dieses Spiel verlief etwas anders als oben von Michael Ziemons beschrieben. Wir haben einfach mal beiseite gelassen, dass man von Reiner Knizia eigentlich ein hochkomplexes Strategiespiel erwarten würde, wir haben uns auch nicht darüber gewundert, daß man unter dem alea-Logo normalerweise etwas andere Spiele findet. Auch daß mein Freund Pferde am liebsten zu Schweizer Rösti mag, ließen wir mal außen vor und spielten einfach drauflos.
Die Regeln sind schnell erklärt und einfach zu verstehen. Startaufstellung und Eigenschaften der Pferde durch Kartenziehen festlegen, Wetteinsätze platzieren (jeder wettet auf 3 Pferde) und los gehts. Die 7 Pferde laufen nicht nur unterschiedlich schnell, sondern haben auch unterschiedlich gute Hufeisen, Jockeys und Sättel - die sich als Symbole auf dem Würfel wiederfinden. Je nach gewürfeltem Symbol wird ein Pferd entsprechend seiner Fähigkeiten in diesem Bereich bewegt. Jedes Pferd darf pro Runde nur einmal bewegt werden. Dabei steht man ständig vor der Frage, ob man zum Beispiel lieber Earl Grey, auf den man selbst gewettet hat, eine möglichst hohe Zahl nach vorn zieht oder versucht, den Gegner auszubremsen, indem man den von ihm favorisierten Othello um möglichst wenig Felder nach vorn schiebt. Dieses Prinzip haben auch Kinder schnell begriffen und sind mit Begeisterung dabei. Aber auch in Nur-Erwachsenen-Runden kommt Hochspannung in der Zielgeraden auf, wird Caramello euphorisch angefeuert oder Red Fox als lahme Ente beschimpft. Nach jedem Rennen erhalten die Spieler, die auf die 3 erstplatzierten Pferde gesetzt haben - abhängig von der Anzahl der auf das Pferd platzierten Wetten - ihren Gewinn. Spieler, die auf das letzte Pferd gesetzt haben, müssen dagegen 100 Pfund abgeben. Gespielt werden 3 Rennen.
Das Spiel ist zweifellos "leichte Kost", eignet sich aber gerade deshalb super als Familienspiel mit Kindern oder Wenigspielern oder als schnelles Spiel für zwischendurch. Kritisch ist lediglich die angegebene Spielerzahl (2-6) anzusehen, 5 oder 6 Spieler sind optimal, damit richtiges Wettfieber aufkommt. Dann macht Royal Turf einfach einen Riesenspass
Joe Saccone <no_email_@gmx.net> 10.01.2002 14:57:
Was die Kombination Knizia & Alea angeht, muss auch ich in das gleiche Horn blasen: So etwas wie Royal Turf hätte man eigentlich nicht erwartet. Und genau hier scheiden sich wohl die Geister: An den "Erwartungen".
Ich für meinen Teil sehe in diesem Spiel ein "Ausgleichsspiel" zu Händler von Genua & La Citta & Euphrat und Tigris usw. Genau das richtige für zwischendurch.
Dass aber Knizia auch in diesem Spiel die Mathematik nicht völlig aussen vor lässt, sieht man an den Pferde-Werten. Mathematisch ist nämlich jedes Pferd genau gleich stark: 30 Schritte. Der Pferdekopf kommt auf dem Würfel 3 mal vor, die anderen Symbole je einmal. Rechnet man entsprechend die Werte zusammen kommt man bei jedem Pferd immer auf 30.
D.h. also: Im Grunde handelt es sich hier um ein Taktik-Spiel mit einem gewissen Glücksfaktor. Man muss schauen wie die Startaufstellung der Pferde ist. Man muss schauen, auf welchem Pferd bereits Wetten laufen. Man muss schauen ob und wie man ein Pferd blockieren kann, usw. Der Glücksfaktor besteht lediglich darin, dass einem die statistische Wahrscheinlichkeitsverteilung einen Strich durch die Rechnung machen kann.
Und für die hartgesottenen Zocker empfehle ich folgende Variante: mit echtem Geld Spielen... ;-)
Joe
Günter Hohl <guenter.hohl@dreihacken.asn-graz.ac.at> 14.01.2002 18:15:
Ich finde, dass "Royal Turf" in dieser Kritik völlig unterschätzt wird. Es gibt sicher anspruchsvollere und auch spannendere Spiele. Wer aber von "langweiligem Herumziehen" spricht, hat es offenbar noch nicht in allen Dimensionen durchblickt. Hier bleibt durchaus genug Raum für Taktik!
Stephan Kempen <S_kempen@gmx.de> 24.01.2002 01:00:
Mich würde mal interessieren, wo denn hier die grossartige taktische Dimension liegt ?
Mit Taktik hat es wohl kaum etwas zu tun, wenn ich kaum Auswahl habe, was ich ziehe. Und gerade hier liegt nunmal der Knackpunkt.
Und spätestens beim Spiel zu 2. wird es wirklich zum reinen Glücksspiel.
Das Royal Turf kein sehr anspruchsvolles Spiel ist sondern eher "leichte Kost" , darüber sind sich ja wohl alle einig.
Ich kann für mich aber sagen : wenn ich "nur mal so zwischendurch" als Ausgleich zu einem "Strategiehammer" etwas spielen will, dann gibt es da zahlreiche andere, bessere Spiele.