Spielbesprechung

Die Händler von Genua

Ein "italienischer Basar"

Cover"Das raffinierte Spiel um Waren, Werte, Widersacher" – so der Untertitel, über den mich die Spieleschachtel informiert. Gerne doch, denke ich mir, stets im Hinterkopf behaltend, dass einige meiner kapitalismusbegeisterten Mitspieler Schreikrämpfe ob des harmlosesten abstrakten Denkspielchens bekommen, aber bei jedem Spiel, das nur entfernt an Geld erinnernde Papierfetzen sein eigen nennt, mit Begeisterung bei der Sache sind.

So lag es auch nicht fern, dieses Spiel gleich mit auf die nächste Familienfeier zu nehmen, in Gewissheit, dort Spieler zu finden, die für alles, was mit Geld zu tun hat, zu begeistern sind. Doch das Regelstudium während der Fahrt ließ mich doch arg ins Zweifeln geraten: ist dies die Sorte Handelsspiel, mit denen ich siedlererprobte Rohstofftauscher und Gelegenheits-"Ich spiel mit denn ich muss ja"-Spieler vom Kuchenbuffet weglocken kann? Doch sicher nicht...

In der Regel ist die Rede von kleinen und großen Aufträgen, von Aktionen in Gebäuden, die in jedem Gebäude anders sind, von kleinen Aufträgen, die nur nach einer Aktion ausgeführt werden dürfen; von großen, die nur stattdessen ausgeführt werden dürfen. Und die 12 Paragraphen der "Handelsgesetze von Genua" in der Spielanleitung muten doch eher wie eine Nebentätigkeit für Juristen an, so humorvoll und sachlich korrekt sie auch dargestellt sind. Eins ist gewiss: mit diesem, für Durchschnittsspieler, überdimensional komplexen Regelwerk werde ich mir beim Erklären nicht viel Freude – und schon gar nicht viele Freunde - machen. Wahrscheinlich, so entsteht das Bild vor meinem geistigen Auge, wird beim Erklären des Spiels der vollbesetzte Tisch sich Stück für Stück entleeren und die vormals interessiert dreinblickende Menschenmenge sich an einfacheren Genüssen, seien sie denn zucker- oder alkoholhaltig, ergötzen.

Spielmaterial

Also die harte Methode: vor dem Besuch der Familienfeier schnell noch hartgesottene Mitspieler an den Tisch bringen. Meine Freundin und ich erscheinen mir ein geeigneter Einstieg, garniert mit einem Hardcoredenker. Aber da musste ich nicht weit ausholen, ein Professor einer Naturwissenschaft sollte genügen. Und dann kann die Dreierrunde starten, Zeit ist ja allemal noch, die Spieldauer ist auf der Schachtel mit 60-120 Minuten angegeben, das haut noch hin. Beginnen wir:

Der Spielplan von Genua, von Franz Vohwinkel im Stile eines "Fürsten von Florenz" illustriert, wird ausgebreitet. Dort zeigt sich eine sehr geordnete Bebauung, mit Häusern und Lagern am Rande, in der Mitte ein Marktplatz mit wichtigen öffentlichen Gebäuden drumherum (z.B. Rathaus, Poststation). Dazwischen ein Gässchen, und das Ganze eingepasst in ein 8x8-Raster. Das erklärt auch die für normale Spiele ungewöhnlichen Würfel – 2 Achtseiter in blau und rot, diese bestimmen nämlich die Startposition unseres "Händlers" im Spiel. Der Spielanleitung folgend bauen wir auf, sortieren Waren in Lager, verteilen Geld, sortieren Spielkarten in Ablagebereiche und Sonderkarten zu Häusern mit passenden Symbolen. Hm, das ganze sieht ja schon mal genauso komplex aus wie sich die Anleitung liest.

Lange Minuten später sind wir uns auch wenigstens ein bisschen einig, wie man denn mit dem Spielen so anfängt. Wir würfeln einfach mal, platzieren den Händler (ein "Händlerturm" aus 5 einzelnen Scheiben) auf dem Spielplan – er landet auch prompt in einem Gebäude. Und dann lesen wir erst noch mal nach, was man in diesem Gebäude denn wie machen darf und warum worum gehandelt wird.

Um es für die Leser ein wenig abzukürzen: Der Startspieler darf den Händler auf 5 aneinanderhängende Felder ziehen, dabei kommt auf jedem ein Baustein desselben zum Liegen. In den einzelnen Gebäuden dürfen Aktion ausgeführt werden: Karten ziehen, Aufträge ergattern, Botschaften erwerben, Waren ankaufen. Jeder Spieler darf dabei im Verlauf des fünfteiligen Zuges aber nur eine Aktion machen, auch der Startspieler. Dabei müssen die anderen Mitspieler dem Startspieler die Aktionen "abkaufen". Dies geschieht sehr kreativ, man kann mit fast allem bieten, was das Spiel hergibt (also nicht ganz die Variante "Wenn Du mir ein Bier holst, vergebe ich die Aktion XY an Dich" – aber fast), zudem darf man vieles vorher verbindlich oder unverbindlich absprechen, a la "Ich habe Interesse, dass Du irgendwann in der Poststation landest, dafür stelle ich Dir so was wie ein Leinentuch und ca. 5 Dukaten in Aussicht" – "Nein, nein, gehe lieber in den Hafen, dann bekommst Du mein Privileg und 10 Dukaten" – "Ach, wisst ihr, ich als Startspieler gehe aber lieber ganz woandershin und erfülle damit meinen Auftrag".

DetailSo verläuft dieses Spiel über eine gewisse Anzahl Runden, je nach Spieleranzahl; und die Siegbedingung darin ist so offensichtlich wie banal: am meisten Geld horten. So feilschen wir uns zu dritt kurzweilige gut 2h um die Ohren, bis ich endlich... verloren habe. Und haben dabei das ungeduldige Hufscharren unserer Mitreisenden ganz vergessen – irgendwie müssen ja doch noch zur Familie. Was gar nicht in unserem Sinne ist, denn für eine Revanche wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt, wo wir das Spiel in seiner Gänze kapiert haben.

Am nächsten Tage denn nun, innerlich habe ich beschlossen, dieses Spiel auf dem eigentlichen Feste zu vermeiden, fragen wir unschuldig in die Runde, wer denn was spielen wollte und präsentieren die mitgebrachte Auswahl. Fünf Sekunden und etliche neugierige Blicke später steht fest, dass wir die "Händler von Genua" auspacken sollen – Alternativen wären ja in unserem "knapp bemessenen Spielesortiment" (hüstel) nicht vorhanden. Nun denn, ich reiche weiter an die beste Regelerklärerin von allen, gewiss des Stöhnens, das da durch die Runde gehen wird. Und, schadenfroh wie ich bin, ergötze ich mich nur wenige Minuten danach an den fassungslosen Gesichtern unserer zuvor nichtsahnenden Mitspieler. Da hilft alles Ausholen, Noch-mal-erklären und Behende-illustrieren nichts, wir gehen frontal in den Angriff über: "Och lasst uns doch einfach mal anfangen, das erklärt sich schon von selbst". Ein "Oh Gott" und zwei verbal deutlich niveaulosere Bemerkungen unserer drei Mitspieler später beginnen wir. Legen wir nun einen literarischen Zeitsprung ein: ca. 2,5h später hören wir auf. Dazwischen standen Freundschaften auf dem Spiel, wurde sich quasi verbrüdert, ein Vorbeikommender fragte, ob wir hier auf dem Basar seien; es wurde um Moneten und Waren gefeilscht bis aufs Messer und um Aufträge geschachert. Dabei ganz wichtig: es wurde auch sehr viel gelacht und absichtlich böse ("Was ich da will, geht Dich einen feuchten Kehrricht an," – Aussage vom Autor des Artikels modifiziert) sowie unschuldige Mienen gemacht ("Was ich vorhab? Warum ich die Ware brauch’? Warum ich da hin will? Ach, einfach nur sooooo...."). Einhelliges Fazit der Mitspieler unserer Runde: eines der besten Spiele, die sie je gespielt haben; dies auch und gerade von den Verlierern, denen noch kurz zuvor eine Partie "Land Unter" fast zu kompliziert erschien.

Und dem kann ich mich nur anschließen: "Die Händler von Genua" ist ein exzellentes Verhandlungsspiel mit einer gehörigen Portion Taktik und enorm viel Interaktion. Um nicht zu sagen: das Spiel IST Interaktion und Spielspass pur. Die Komplexität des Spiels und der damit verbundene schwere Einstieg in Regeln und Spiel dürften dabei allerdings einige Gelegenheitsspieler verschrecken. Wenn aber der Einstieg einmal geschafft ist, dann vergehen die 2-3h Geschachere wie im Flug. Und eine Revanche scheitert maximal an Zeitmangel, garantiert nicht am Willen der Mitspieler. Definitive Kaufempfehlung!

Die Händler von Genua von Rüdiger Dorn, Illustration und Design: Franz Vohwinkel, 2-5 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer: 60-120 Minuten, Alea (2001), Preis ca. 50 DM.

Roman Pelek


Roli Kreis <r.kreis@cubix.ch> 11.04.2004 02:27:

Gratulation an Roman Pelek! Habe noch nie eine so tolle Kritik gelesen.
Abschnitte wie "Da hilft alles Ausholen, Noch-mal-erklären und ... Angriff über: "Och lasst uns doch einfach ": Einfach köstlich.
Das Spiel sauge ich mir auf jeden Fall rein!

Tschüss, Roli

[ Home ] [ Top ] [ Archivübersicht ]