Interview

Interview mit
Christiane Knepel und Antje Graf

Christiane Knepel und Antje GrafAutorin Christiane Knepel (links), 34, und Grafikerin Antje Graf (rechts), 30, veröffentlichten ihr erstes eigenes Spiel "Muscat" im Eigenverlag "Die Sternspieler" und ernteten damit beim Göttinger Autorentreffen 2001 viel Aufmerksamkeit.

In diesem Interview stellen sich die beiden vor und sprechen über ihre gemeinsamen Projekte im Brettspielbereich.

Die Fragen stellte Roman Pelek.

Mit "Muscat" habt Ihr zum ersten Mal in der Spieleszene auf Euch aufmerksam gemacht. Könntet Ihr Euch mal kurz persönlich vorstellen?

Christiane: Wir kennen uns seit genau 3½ Jahren. Da habe ich mir ein Pferd gekauft, das in die Box neben Antjes Pony gezogen ist. Nicht nur die beiden Pferde wurden dicke Freunde, sondern auch wir! Ich arbeite als Sachbearbeiterin in der Automobilbranche und mache noch ein Abendstudium zur Heilpraktikerin. Neben dem Pferd stehen natürlich Spieleabende regelmäßig mit auf meinem Programm.

Antje: Wir kannten uns noch nicht lang, da planten wir ein Wochenende Skilanglauf im Harz. Danach war für uns beide klar, dass man mit der anderen jede noch so verrückte Sache unternehmen kann: der Schnee war nämlich an diesem Wochenende fast weggetaut, und wir hatten trotzdem jede Menge Spaß! Auch bevor die Sternspieler ins Leben gerufen wurden, haben wir uns fast täglich gesprochen oder gemailt. Von Beruf bin ich Grafikerin und arbeite zur Zeit als Layouterin für die Zeitschrift "Men's Health". Ausgleich zu den langen Tagen vor dem Mac suche ich in erster Linie im Reiten (je weiter die Strecke, desto besser). Auch dem Skaten bin ich hoffnungslos verfallen.

Wie kamt Ihr dazu, Spiele zu erfinden?

Christiane: Ich habe eigentlich schon immer gern gespielt. Schon als Kind habe ich angefangen, bekannte Spiele umzuwandeln. Aus einem banalen Versteckspiel auf der Straße wurde damals ein Gruppensuchspiel, wo man mehrere Funktionen gleichzeitig ausüben musste und Punkte kassierte. Mitte der 90er Jahre fanden dann sehr viele Spieleabende im Freundeskreis statt und ich fing Feuer. Zunächst entwickelte ich exotische Würfelspiele, kombiniert mit einem exotischen Zugmechanismus, wo nur leider der Spieler wenig Einfluss auf den Spielverlauf hatte. Aus dieser Zeit stammte auch die Grundidee von "Muscat": Es funktionierte nicht die Bohne und die selbstgebastelten Plättchen verschwanden irgendwo im Schrank. Ostern 99 stolperte ich dann zufällig wieder über die Schlangenbeschwörer und Flötenspieler, als ich in dieser Schublade nach meiner Sonnenbrille suchte! Und wieder tüftelte ich an dieser Idee herum. Antje gehörte dann auch zu jener Spielrunde, die genötigt wurde, "Muscat" in der ersten Variante zu spielen.

Antje: Ich bin eigentlich überhaupt nicht spielfanatisch, ab und zu mal ein gemütlicher Spieleabend in einer netten Runde ist prima. Christiane hatte schon mal erwähnt, dass sie Spiele entwickeln würde, doch damit konnte ich nichts anfangen, bis eines Abends nach den Siedlern eine orange Pappe mit schwarzen Filzstiftstrichen ausgerollt wurde. Ich musste meine Gesichtszüge sehr unter Kontrolle halten, denn so toll ihre Spielideen auch sind: malen und Plättchen zuschneiden kann Christiane überhaupt nicht! Nachdem geklärt war, dass die Figur keineswegs eine Blumenvase darstellen sollte, sondern einen Wasser speienden Elefanten, spielten wir zum ersten Mal "Muscat". Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Wie kommt man auf solche Ideen? "Ich mal Dir mal einen Sultanspalast, das ist für mich nicht viel Arbeit" war daraufhin mein Angebot. Bald fing auch ich Feuer und das Endergebnis war ein vollständig durchlayouteter und mit viel Liebe gebastelter Prototyp.

Christiane: Zwischenzeitlich rutschte "Muscat" beim Hippodice-Autorenwettbewerb von der Vor- in die Zwischenrunde und schließlich sogar unter die zehn besten Spielideen. Das passierte irgendwie alles gleichzeitig.

Welche Erfahrungen habt Ihr im Laufe der Entwicklung von "Muscat" gemacht?

Christiane: Man denkt, jetzt ist das Spiel fertig und beim nächsten Spieleabend stellt man entsetzt fest, dass die Spielidee zwar originell ist, aber noch keineswegs ausgereift. Die Kritikpunkte anderer Mitspieler bringen hier sehr interessante Aspekte ins Spiel. Sehr hilfreich waren auch die Anmerkungen von Peter Gehrmann (Grünspan-Verlag), der sich recht intensiv mit "Muscat" auseinandergesetzt hat. Daraufhin habe ich die Spielregel noch einmal gründlich überarbeitet.

Antje: Es ist viel, viel Arbeit! Aber man schafft das irgendwie, auch wenn es alles Neuland ist. Viel Hilfe bekam ich aus der Redaktion. Mein Chefredakteur, Frank Hofmann, gab mir grünes Licht für diese Aktion, alle mussten bei der Namensfindung des Verlagsnamen helfen. Thomas, Onlineredakteur, half mir bei der Website. Ingo, Schlussredakteur, las und korrigierte sämtliche Texte. Durch diese Kontakte hat auch die gesamte Abwicklung mit der Lithografie und der Druckerei reibungslos funktioniert, ein Wunder für einen Neuling wie mich.

Was hat Euch dazu bewegt, "Muscat" im Eigenverlag "Die Sternspieler" zu veröffentlichen?

Antje: Mit 30 hat man wohl so eine vorgezogene Midlife-Crisis: Man steht fest in seinem Job, das Leben scheint sich in einer Bahn zu bewegen. Aber, ist es das jetzt? Oder wollte man vielleicht doch etwas ganz anderes machen? Wir saßen in einer Kneipe und philosophierten vor uns hin. "Muscat" war beim Autorenwettbwerb immerhin recht weit gekommen und die Idee natürlich sehr verlockend, das Spiel auch herauszubringen. Immerhin konnten wir in unserer Freundschaft die Tätigkeit einer Spieleautorin mit der einer Grafikerin vereinen, das machte es möglich. Tja, warum machen wir's denn nicht einfach?! Ich habe unglaublich an Selbstbewusstsein dazu gewonnen. Der Moment, den fertigen Karton in Händen zu halten, war unbeschreiblich!

Christiane: Jeder macht im Leben irgendwann mal was Verrücktes: Die Einen segeln um die Welt, die Anderen kaufen einen Olivenhain im Ausland. Und wir haben eben unsere Sparbücher geplündert und 1000 Sultanspaläste produzieren lassen. Natürlich ist da auch die Sorge, auf der Auflage sitzen zu bleiben, aber dann hat man immerhin Weihnachtsgeschenke fürs ganze Leben. Es hatten uns alle gewarnt, aber wir wollten es unbedingt selbst auf den Markt bringen.

Habt Ihr schon Pläne für die Zukunft, was das Spieleerfinden und den Eigenverlag angeht? Was sind Eure nächsten Projekte?

Christiane: Erst mal muss sich "Muscat" verkaufen, bevor wir daran denken ein weiteres Spiel zu verlegen. Lust hätten wir auf jeden Fall! Ich habe noch elf andere Spielideen und Prototypen auf meinem Kleiderschrank herumliegen. Da muss ich aber noch weiter dran arbeiten. Wir wollen dann versuchen, Spielidee kombiniert mit einer vollständigen Grafik bei größeren Verlagen unterzubringen. Anschließend wäre durchaus denkbar, dass wieder ein Spiel im Eigenverlag der Sternspieler produziert wird.

Antje: Inzwischen habe ich noch Rohgrafiken für zwei weitere von Christianes Entwürfen angefertigt. Die Zusammenarbeit ist super-entspannt, wir sind bisher in allen Entscheidungen einer Meinung gewesen. Langsam trägt unser Konzept Früchte, Spiel und Grafik zusammen zu entwerfen. Ein Beispiel wäre der Entwurf zu "Walpurgisnacht", bei dem die ungewöhnliche Form der Plättchen nachträglich wiederum die Regeln beeinflusst hat. Im Moment bin ich sehr froh darum, nicht jeden Abend vor dem Rechner sitzen zu müssen. Aber vielleicht im nächsten Winter? Das Feedback, das wir in Göttingen bekommen haben, macht uns Mut.

Abschließend noch eine persönliche Frage: Was sind Eure Lieblingsspiele?

Antje & Christiane: "Die Siedler von Catan", und zwar kombiniert mit der "Seefahrer"-Erweiterung und gleichzeitig der "Städte+Ritter"-Variante!

Roman Pelek, 27.06.2001 (Foto: Wieland Herold)

Weitere Links zum Thema:
• Rezension des Spiels "Muscat"

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