Bereits Anfang der 90er Jahre gab es mit dem "Schwarzen Auge Brettspiel", dem "Dorf des Grauens", der "Schlacht der Dinosaurier" (Schmidt) und der "Claymore-Saga" sowie "Shogun" (MB) Strategiespiele, die man als wahre Materialschlachten bezeichnen konnte. Das Auslösen der Plastikfiguren und das Bekleben der Fähnchen konnte im Extremfall sogar über eine Stunde betragen.
Parker - die Nähe zu MB ist über das gemeinsame Dach Hasbro gegeben - hat mit "Lionheart" dieser Spielekategorie einen weiteren Titel hinzugefügt. Der Titel "Lionheart" ist gut gewählt, denn es geht ohne Schönrednerei um mittelalterliche Schlachten: also um ein kriegerisches Aufeinandertreffen von Fußtruppen, Bogenschützen, Rittern, Söldnern und Bauernheeren und so weiter.
Alle recht hübsch dargestellt in 82 meist gold- und silberfarbenen Plastikfiguren und 10 zweiteiligen Pferden, die erst zusammengesteckt werden müssen, um dann auf 20 Plastiksockeln, zehn pro Spieler, für eine Partie Platz zu finden.
Der Spielplan ist ein Raster von neun Feldern Breite und acht Feldern Länge, der als Randverzierungen in den Ecken einige Kampfszenen trägt. Bis auf die deutlich martialischeren Figuren erinnert das alles noch sehr an "Schach".
Auch die Anfangsaufstellung auf den ersten beiden Reihen verstärkt diesen Eindruck: vorne fünf Fußtruppen bestehend aus je vier Fußsoldaten, dahinter in der Mitte der König als Ritter, links und rechts von ihm je eine Rittertruppe aus je zwei Rittern und außen jeweils eine Bogenschützentruppe bestehend aus vier Bogenschützen.
Damit enden dann aber auch die Gemeinsamkeiten, denn das Kampfsystem basiert wie bei den meisten strategischen Spielen mit Zinnfiguren (Tabletop) auf Würfelergebnissen.
Bei "Lionheart" sind es vier Spezialwürfel, die man vor der ersten Partie mit den Symbolen Axt (dreimal), Pfeile (zweimal) und Panik bekleben muß. Bei einem Angriff wirft der Spieler mit so vielen Würfeln wie die Einheit noch Figuren hat (pro Ritter zwei Würfel). Pro Axt für Fußsoldaten und Ritter bzw. pro Pfeil für Bogenschützen verliert die angegriffene Einheit eine Figur (auch hier gilt: Ritter brauchen zwei Treffer).
Sollten unglücklicherweise nur Paniksymbole gewürfelt werden, wendet sich die angreifende Einheit zur Flucht, was in ungünstigen Fällen eine Kettenreaktion auslösen kann. Doch noch ist es nicht soweit, erst müssen sich die Einheiten aufeinander zu bewegen. Für Fußsoldat und Bogenschützen verbraucht man dazu einen Aktionspunkt, von denen pro Zug zwei zur Verfügung stehen, um sie ein Feld in Blickrichtung nach vorne zu bewegen oder beliebig zu drehen. Ritter können dafür in Blickrichtung beliebig weit ziehen.
Die andere Einsatzmöglichkeit für Aktionspunkte ist - wen wird es wundern - einen Angriff zu starten. Ritter und Fußtruppen erreichen dabei nur das Feld vor sich, Bogenschützen können hier unabhängig von dazwischenliegenden Einheiten ein drei mal drei Felder großes Quadrat bestreichen. Spielziel ist die Vernichtung der gegnerischen Truppen oder des gegnerischen Königs.
Soweit die Basisregeln, als Erweiterungsregeln gibt es dann noch die auf den ersten beiden Reihen beliebige, verdeckte Anfangsaufstellung und vier weitere Einheiten: Söldner, die nie in Panik geraten, aber vom gegnerischen König abgeworben werden können; Bauern, die besser (!) treffen als die regulären Fußsoldaten, aber sehr leicht in Panik geraten; Schwerbewaffnete, die auch diagonal vor sich angreifen können, aber zwei Aktionspunkte zum geradeaus Vorwärtsbewegen benötigen und größere Gruppen von Fußsoldaten, die allerdings auch nur mit vier Würfeln angreifen, aber nach einem Gegenschlag immer noch ihre volle Angriffsfähigkeit haben.
Wie spielt sich denn nun "Lionheart"? Läßt man die Basisregeln außer Betracht, da sie in meinen Augen nur dazu dienen, sich mit den Mechanismen vertraut zu machen, kann ich nur sagen: spannend!
Zugegeben, bei nur ca. 30 Figuren verteilt auf zehn Einheiten pro Seite, spielt der Würfel die letztendlich entscheidende Rolle. Aber die Möglichkeit, taktische Fehler zu machen oder solche des Gegners auszunützen, ist reichlich gegeben.
"Lionheart" ist ein Spiel für große und kleine Jungens, die gerne mal die Klingen kreuzen. Taktisch oder gar strategisch ist es nicht übermäßig anspruchsvoll, aber auch nicht trivial. Es dauert meist keine halbe Stunde, macht Spaß und ist spannend. Für Freunde so im Alter zehn bis 14 Jahre oder für Väter mit einem Sprößling in diesem Alter ist es absolut zu empfehlen; für alle anderen, ob Mädchen/Frauen oder Tabletop-Spieler, ist es wohl nicht so der Hit.
Joseph Weigand
"Lionheart", 2 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer ca. 15-45 Minuten, Verlag: Parker (1998), Preis ca. 70 DM.
spielbox Wertung: Durchschnittswertung von 2 Kritikern
| Regeln | Material | Originalität | Spielreiz |
| 6,0 | 8,0 | 6,0 | 6,0 |
| 1 = schlechteste Note, 10 = beste Note | |||