Eines der "legendären" Spiele aus den Siebzigern ist Rudi Hoffmanns "Minister", das 1975 bei Pelikan erschien und 1979 vom Markt genommen wurde. Damals hießen die deutschen Kanzler noch Brandt und Schmidt. Es waren die Zeiten der SPD-Kanzler in einer Zeitrechnung "vor Kohl", an die sich die Erstwähler dieses Jahres schon gar nicht mehr erinnern können.
Zumindest das Spiel "Minister" kommt nun in diesem Jahr wieder zurück zu uns. Spielziel ist es, mit seiner Partei bei Spielende den Kanzler zu stellen. Das Spiel endet, wenn der Zeitstein bis zum Wahltag vorgezogen wurde. Im Grunde ist "Minister" ein einfaches Würfelspiel, das viel von seinem Reiz aus dem satirisch abgebildeten Thema bezieht.
Vier Parteigänger seiner Farbe hat jeder Spieler zur Verfügung. Diese bewegen sich auf einer Laufbahn, die in mehrere Abschnitte unterteilt ist. Jedem Abschnitt sind verschiedene Würfelzahlen zugeordnet. In welchem Abschnitt eine Figur eingesetzt wird, bestimmt der Würfel. Jeder Abschnitt weist mehrere Felder auf. Vorwärts zum nächsten Abschnitt darf man eine Figur ziehen, wenn eine der zugehörigen Würfelzahlen gefallen ist. Ist der nächste Abschnitt voll, darf er übersprungen werden.
Es geht also darum, seine Parteigänger möglichst so auf der Laufbahn verteilt zu haben, daß jedes Würfelergebnis genutzt werden kann. Ist das nicht möglich, wird der Zeitstein auf der Zeitspirale vorgezogen.
Aber wie bekommt eine Partei nun Minister ins Kabinett? Die sind nämlich wichtig, weil die Partei mit den meisten Ministern im sechzehnköpfigen Kabinett den Kanzler stellt. Am Ende der Laufbahn gibt es das Feld "Meinungsmacher". Wer dort eine Figur hat und eine 1, 2 oder 3 würfelt, zieht entweder einen Parteigänger oder schickt ein, zwei bzw. drei Minister ins Kabinett.
Aber auch zwischendurch gibt es auf der Laufbahn insgesamt drei "Pressetermine", auf denen man seine Minister auswürfeln kann. Zusätzlich wird ein Minister berufen, wenn man den Zeitstein auf ein entsprechendes Feld ziehen muß.
Zu guter letzt gibt es auf der Laufbahn und der Zeitspirale noch "Einflußfelder". Wer darauf zieht, bringt eigene Parteifreunde voran oder läßt gegnerische im "Fettnäpfchen" landen. Da müssen sie sich erst mal herauswürfeln, um wieder in der Politik mitzumischen.
So geht es recht flott zur Sache, ständig werden neue Minister berufen. Ist das Kabinett erst einmal voll, fliegen verdiente Politiker rüde aus dem Kabinett. Bitterlich beklagen die Parteiführer bei jedem Rauswurf eines eigenen Genossen die Hinterlist des politischen Gegners, um bald Vergeltung zu üben. So schwanken die Mehrheiten mit dem Würfelglück ständig, bis nach weniger als einer Stunde der Wahltag naht und der Kanzler das Spiel entscheidet.
"Minister" ist dem Thema angemessen von Franz Vohwinkel recht witzig gestaltet worden. Im Kabinett gibt es z.B. neben einem Internet-Minister, dessen Amtszeichen das Windowssymbol für "Warten" ist, den Spieleminister, der mit einem Pöppel prangt, der dem Logo der Jury Spiel des Jahres gleicht, nur fehlt ihm der Lorbeerkranz. Der Wirtschaftsminister hingegen hat einen Bierkrug aus dem Wirtshaus im Wappen.
Der Spielkarton ist wie ein Buch gestaltet und zeigt einen Kanzler, an dessen Stuhl schon kräftig gesägt wird. Nur Böswillige würden annehmen, man habe absichtlich demonstrativ gesichtslose Figuren zur Darstellung der Minister genommen. Und liebevoll sind auch die Fettnäpfchen als quasi natürliche Heimat der Parteigenossen gezeichnet. Das hochwertige Material wird zudem zu einem recht günstigen Preis angeboten.
Das alte "Minister" hatte Rudi Hoffmann selbst mit einer sehr witzigen und liebevollen Grafik gestaltet, die noch einiges vom "Mief" der Nachkriegsrepublik widerspiegelte. Es wies im Spielgeschehen erheblich mehr Details auf und hatte viel mehr Bezüge zur Realität. Neben den vier Parteigenossen gab es noch einen Parteivorsitzenden, der mehr Gewicht besaß.
Die deutlich längere Laufbahn bezog sich konkret auf die Beamtenlaufbahn. Sie ermöglichte den Aufstieg vom "Schreiberanwärter" über den "Amtsinspektor" bis zum "Ministerialrat". Von dort ging es auf den Posten des "Minister-Machers und Proporzlers", jetzt das "Meinungsmacherfeld". Wer dort herausgeworfen wurde, kam in die "Parteien-Proporz-Bude".
Auf der Laufbahn konnten einen die Konkurrenten in den "Aktenkeller" versetzen, wenn der Betreffende nicht irgendwelche Ehren aufzuweisen hatte, z.B. Feuerwehrhauptmann war oder einen Orden besaß. Mehrere Genossen einer Partei im selben Rang lösten eine "Beförderungslawine" aus, und der Spieler durfte noch einmal würfeln.
Besonders wichtig aber war, daß jeder Spieler über einen eigenen Stein auf der Zeitleiste verfügte, der sein Lebensalter darstellte. Bei 65 schied er aus dem aktiven Spiel aus, seine Minister blieben im Kabinett. Das Spiel endete, sobald alle Spieler "pensioniert" waren.
"Minister" dauerte recht lange und endete meist nach ca. 90 Minuten. Gegen Ende sahen ausgeschiedene Spieler oft längere Zeit nur noch hilflos zu, wie "jüngere" Spieler mit einer glücklicheren Würfelhand das Kabinett mit ihren Ministern überschwemmten.
Zudem gab es in der veröffentlichten Spielregel einen bösen Fehler gegenüber Hoffmanns Konzept, so daß viel zu selten neue Minister ins Kabinett kamen. Die legendäre Zeitschrift "Spiel" wies hierauf 1979 schon in einem Interview mit Hoffmann hin, aber das Spiel war bereits vom Markt genommen.
Peter Neugebauer eröffnete 1991 die Oldie-Kolumne in der spielbox mit "Minister" und nannte dort auch die richtige Regel. Zugleich plädierte er für eine Neuauflage des Spiels. Dabei hob er hervor, daß dann die Spieldauer deutlich verkürzt werden müßte. Als Mitglied des TM-Teams, das "Minister" verlegt, hat er sicherlich seinen Anteil an den Änderungen gehabt.
Wie bei den meisten Neuauflagen von Kultspielen gibt es auch bei "Minister" heftige Diskussionen, ob die Überarbeitung dem Spiel gutgetan hat. Vergleicht man die beiden Versionen von "Minister", lautet für mich persönlich das Gesamturteil: Beide "Minister" sind gleich gut, das neue paßt aber mit seinem einfacheren Regelwerk und der deutlich kürzeren Spieldauer besser auf den aktuellen Spielemarkt.
Berthold Heß
Minister von Rudi Hoffmann, Grafik: Franz Vohwinkel, 3 oder 4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer ca. 30-60 Minuten, TM Spiele (1998), Preis ca. 40 DM.
spielbox Wertung: Durchschnittswertung von 7 Kritikern
| Regeln | Material | Originalität | Spielreiz |
| 7,0 | 7,0 | 6,6 | 6,9 |
| 1 = schlechteste Note, 10 = beste Note | |||